Herr Dr. Holle, viele sprechen heute von Netzwerken. Weshalb reicht das allein noch nicht?
Weil ein Netzwerk nicht einfach dadurch entsteht, dass viele Angebote vorhanden sind. Entscheidend ist, ob und wie diese Angebote zusammenarbeiten. Menschen mit Demenz, ihre Angehörigen, Ärztinnen und Ärzte, Pflegende, Therapierende oder Beratende müssen miteinander verbunden sein. Erst dann kann Versorgung im Alltag wirklich funktionieren.
Sie beschäftigen sich mit Versorgungsforschung. Was unterscheidet sie von der klassischen medizinischen Forschung?
Wir schauen uns Versorgung unter Alltagsbedingungen an. Wir fragen dabei zum Beispiel: Wie erleben Menschen mit Demenz ihren Alltag? Was brauchen Angehörige? Welche Herausforderungen sehen Fachpersonen? Daraus entwickeln wir Konzepte und prüfen wissenschaftlich, ob sie den Menschen tatsächlich helfen.
Das heißt, Ihre Forschung beginnt nicht im Labor.
Nein. Gute Konzepte entstehen dort, wo sie gebraucht werden. Deshalb gehen unsere Kolleginnen und Kollegen in Pflegeheime, Krankenhäuser oder zu den Menschen nach Hause. Wir fragen nach ihren Erfahrungen und entwickeln Lösungen gemeinsam mit ihnen.
St. Galler Demenz Kongress vom 11. November 2026
Fachpersonen aus Pflege, Medizin, Therapie, Wissenschaft und Betreuung tauschen sich am St. Galler Demenz Kongress unter dem Motto »Demenz im Dialog« über aktuelle Entwicklungen aus. Im Zentrum steht in diesem Jahr das Thema: »Dementia Care vernetzt gestalten – wie kann es gelingen?«. demenzworld ist Medienpartner des Kongresses. Informationen und Tickets gibt’s hier: www.demenzkongress.ch
Was haben Sie dabei gelernt?
Dass gute Versorgung immer beim Menschen beginnt. Wir sprechen von personenzentrierter Versorgung. Das bedeutet, dass ich versuche zu verstehen, wer mir gegenübersitzt. Ich nehme wahr, was dieser Mensch braucht, wie ich mit ihm kommunizieren kann und wie eine Beziehung gelingt. Das ist die Grundlage – unabhängig davon, ob jemand zu Hause lebt oder in einer Pflegeeinrichtung.

Beziehung ist also wichtiger als Organisation?
Organisation ist wichtig. Aber sie ersetzt keine Beziehung. Menschen mit Demenz erleben oft Situationen, die für sie schwierig sind. Dann hilft es, wenn jemand innehält, genau hinschaut und sich fragt: Warum reagiert dieser Mensch gerade so? Dieser verstehende Ansatz ist der Schlüssel. Die Organisation z. B. von Pflegeeinrichtungen kann aber unterstützend dabei sein diese Ansätze umsetzen zu können.
Das gilt für Angehörige genauso wie für Fachpersonen?
Ja. Natürlich unterscheiden sich ihre Rollen. Ein Ehepartner erlebt den Alltag anders als eine Pflegefachperson. Das Grundprinzip bleibt aber gleich: Ich nehme den Menschen mit seiner eigenen Geschichte ernst und versuche, die Beziehung so gut wie möglich zu erhalten.
Sie sagen, Angehörige seien ein wichtiger Teil des Versorgungsnetzes. Weshalb?
Weil sie oft über viele Jahre begleiten. Gleichzeitig verändert sich ihr eigenes Leben grundlegend. Sie übernehmen Schritt für Schritt Aufgaben, die sie früher nie hatten. Deshalb reicht es nicht, nur auf den Menschen mit Demenz zu schauen. Auch die Situation der Angehörigen muss Teil guter Versorgung sein.