So funktionieren Netzwerke bei Demenz
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»Ein Netzwerk besteht nicht aus Adressen, sondern aus Beziehungen«

Netzwerk bei Demenz Forschung Bernhard Holle

Gemeinden können Menschen zusammenbringen – und damit tragende Netzwerke schaffen. Foto Adobe Stock

Menschen mit Demenz und ihre Angehörigen brauchen ein tragendes Netzwerk. Bernhard Holle erforscht seit vielen Jahren, wie vernetzte Versorgung im Alltag gelingen kann. Am 12. St. Galler Demenz Kongress spricht er über regionale Netzwerke. Im Interview erklärt er, warum gute Versorgung immer beim Menschen beginnt.

Herr Dr. Holle, viele sprechen heute von Netzwerken. Weshalb reicht das allein noch nicht?

Weil ein Netzwerk nicht einfach dadurch entsteht, dass viele Angebote vorhanden sind. Entscheidend ist, ob und wie diese Angebote zusammenarbeiten. Menschen mit Demenz, ihre Angehörigen, Ärztinnen und Ärzte, Pflegende, Therapierende oder Beratende müssen miteinander verbunden sein. Erst dann kann Versorgung im Alltag wirklich funktionieren.

Sie beschäftigen sich mit Versorgungsforschung. Was unterscheidet sie von der klassischen medizinischen Forschung?

Wir schauen uns Versorgung unter Alltagsbedingungen an. Wir fragen dabei zum Beispiel: Wie erleben Menschen mit Demenz ihren Alltag? Was brauchen Angehörige? Welche Herausforderungen sehen Fachpersonen? Daraus entwickeln wir Konzepte und prüfen wissenschaftlich, ob sie den Menschen tatsächlich helfen.

Das heißt, Ihre Forschung beginnt nicht im Labor.

Nein. Gute Konzepte entstehen dort, wo sie gebraucht werden. Deshalb gehen unsere Kolleginnen und Kollegen in Pflegeheime, Krankenhäuser oder zu den Menschen nach Hause. Wir fragen nach ihren Erfahrungen und entwickeln Lösungen gemeinsam mit ihnen.

St. Galler Demenz Kongress vom 11. November 2026

Fachpersonen aus Pflege, Medizin, Therapie, Wissenschaft und Betreuung tauschen sich am St. Galler Demenz Kongress unter dem Motto »Demenz im Dialog« über aktuelle Entwicklungen aus. Im Zentrum steht in diesem Jahr das Thema: »Dementia Care vernetzt gestalten – wie kann es gelingen?«. demenzworld ist Medienpartner des Kongresses. Informationen und Tickets gibt’s hier: www.demenzkongress.ch

Was haben Sie dabei gelernt?

Dass gute Versorgung immer beim Menschen beginnt. Wir sprechen von personenzentrierter Versorgung. Das bedeutet, dass ich versuche zu verstehen, wer mir gegenübersitzt. Ich nehme wahr, was dieser Mensch braucht, wie ich mit ihm kommunizieren kann und wie eine Beziehung gelingt. Das ist die Grundlage – unabhängig davon, ob jemand zu Hause lebt oder in einer Pflegeeinrichtung.

Dr. Bernhard Holle, DZNE
Dr. Bernhard Holle.pd

Beziehung ist also wichtiger als Organisation?

Organisation ist wichtig. Aber sie ersetzt keine Beziehung. Menschen mit Demenz erleben oft Situationen, die für sie schwierig sind. Dann hilft es, wenn jemand innehält, genau hinschaut und sich fragt: Warum reagiert dieser Mensch gerade so? Dieser verstehende Ansatz ist der Schlüssel. Die Organisation z. B. von Pflegeeinrichtungen kann aber unterstützend dabei sein diese Ansätze umsetzen zu können.

Das gilt für Angehörige genauso wie für Fachpersonen?

Ja. Natürlich unterscheiden sich ihre Rollen. Ein Ehepartner erlebt den Alltag anders als eine Pflegefachperson. Das Grundprinzip bleibt aber gleich: Ich nehme den Menschen mit seiner eigenen Geschichte ernst und versuche, die Beziehung so gut wie möglich zu erhalten.

Sie sagen, Angehörige seien ein wichtiger Teil des Versorgungsnetzes. Weshalb?

Weil sie oft über viele Jahre begleiten. Gleichzeitig verändert sich ihr eigenes Leben grundlegend. Sie übernehmen Schritt für Schritt Aufgaben, die sie früher nie hatten. Deshalb reicht es nicht, nur auf den Menschen mit Demenz zu schauen. Auch die Situation der Angehörigen muss Teil guter Versorgung sein.

Viele Angehörige versuchen einfach, den Alltag irgendwie am Laufen zu halten.

Genau das haben wir in unseren Studien gesehen. Angehörige erzählen immer wieder, dass sie Stabilität schaffen möchten. Dafür passen sie ihr Leben ständig an. Sie verändern Gewohnheiten, übernehmen neue Aufgaben und reagieren immer wieder auf neue Situationen. Diese Anpassung nennen wir Adaption.

Was bedeutet Stabilität in diesem Zusammenhang?

Stabilität heißt nicht, dass alles bleibt wie früher. Es bedeutet, dass Menschen einen Weg finden, mit den Veränderungen umzugehen. Dafür brauchen sie Unterstützung und manchmal auch jemanden, der gemeinsam mit ihnen die Situation reflektiert. Genau dort können professionelle Begleitung und gute Netzwerke viel bewirken.

Viele Menschen wünschen sich vor allem mehr Angebote. Ist das der richtige Weg?

Neue Angebote allein lösen das Problem nicht. Entscheidend ist, dass das, was bereits vorhanden ist, gut zusammenarbeitet. Versorgung darf kein Nebeneinander sein. Sie muss sich verbinden und an den Bedürfnissen der Menschen orientieren. Dann entsteht ein Netzwerk, das trägt.

Sie beschäftigen sich seit vielen Jahren mit regionaler Versorgung. Gibt es überhaupt das ideale Netzwerk?

Nein. Dafür sind die regionalen Bedingungen und die persönlichen Lebenssituationen viel zu unterschiedlich. Menschen leben in der Stadt oder auf dem Land, allein oder mit ihrer Familie. Manche werden von Angehörigen begleitet, andere leben im Pflegeheim. Deshalb kann es kein Netzwerk geben, das überall gleich funktioniert. Es muss immer zu den Menschen und zu ihrer Region passen.

»Die Demenz Meets sind genial! Ich wünsche mir, dass es mehr von ihnen gibt, damit viele Menschen eine bessere Lebensqualität haben. Die Demenz Meets passen wunderbar zu meinem Lebensmotto: lieben, leben, lächeln«.

Lilo Klotz, Beirätin der Deutschen Alzheimer Gesellschaft und von Alzheimer Europe.

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Viele Familien fragen sich, ob das Leben auf dem Land oder in der Stadt besser ist.

Darauf gibt es keine einfache Antwort. Auf dem Land kenne ich vielleicht die Nachbarn seit Jahrzehnten. Sie wissen Bescheid und helfen mit. Das kann eine große Stärke sein. Gleichzeitig gibt es dort oft weniger Fachärztinnen und Fachärzte oder therapeutische Angebote. In der Stadt ist vieles schneller erreichbar. Entscheidend ist deshalb immer die individuelle Situation.

Also muss jede Familie ihren eigenen Weg finden?

Ja. Ich würde immer empfehlen, die eigene Situation gemeinsam mit Fachpersonen zu reflektieren. Was bedeutet die Erkrankung für den Menschen mit Demenz? Was bedeutet sie für die Angehörigen? Welche Möglichkeiten gibt es vor Ort? Solche Gespräche schaffen Orientierung und helfen, bewusste Entscheidungen zu treffen.

Sie sprechen oft von Kommunen. Welche Rolle spielen sie?

Eine sehr wichtige. Die Frage lautet: Wie werde ich zu einer demenzfreundlichen Kommune? Dafür braucht es zuerst Aufmerksamkeit und Bewusstsein. Menschen mit Demenz leben mitten unter uns. Gemeinden können viel dazu beitragen, dass sie selbstverständlich am Leben teilnehmen können.

Was kann eine Gemeinde konkret tun?

Sie kann Menschen zusammenbringen. In einem Projekt in Nordhessen haben sich zwei Kommunen zu einem Versorgungszentrum zusammengeschlossen. Dort wurden Beratungen organisiert, Bedarfe erfasst und Familien früh begleitet. Dadurch fanden viele Menschen viel früher den Weg ins Versorgungssystem. Genau das macht ein funktionierendes Netzwerk aus.

Das klingt nach einer Koordinationsstelle.

Genau. Aber nicht nur. Die Aufgabe war nicht, bestehende Angebote zu ersetzen. Vielmehr wurden Menschen auch persönlich in ihrer Versorgungssituation begleitet, ihre Versorgungsbedarfe wurden fachlich erhoben und an die richtigen Stellen vermittelt. Im Netzwerk waren Ärztinnen und Ärzte, Pflegedienste, Apotheken und weitere Partner eingebunden. So entstand ein Netz, das die Versorgung zusammengeführt hat.

Braucht es dafür immer neue Angebote?

Nein. Oft geht es gar nicht darum, etwas Neues zu schaffen. Viel wichtiger ist, vorhandene Angebote besser miteinander zu verbinden. Versorgung darf kein Konkurrenzdenken sein. Sie muss sich ergänzen. Genau darin liegt die Stärke guter Netzwerke.

Sie erwähnen häufig den Begriff »demenzfreundliche Kommune«. Was verstehen Sie darunter?

Menschen sollten wissen, wie sie einem Menschen mit Demenz begegnen können. Das betrifft Verwaltungen genauso wie die Polizei, Supermärkte oder andere öffentliche Einrichtungen. Wenn dort Verständnis vorhanden ist, entsteht Sicherheit – für die Betroffenen und ihre Angehörigen.

Irgendwann stellt sich in vielen Familien die Frage nach einem Pflegeheim. Kann ein Netzwerk auch diesen Übergang erleichtern?

Davon bin ich überzeugt. Wichtig ist, dass Familien diesen Schritt nicht allein gehen müssen. Sie brauchen Menschen, die zuhören, die ihre Situation kennen und gemeinsam überlegen, welcher Weg jetzt der richtige ist. Solche Übergänge gehören ebenfalls zu guter Versorgung.

12. St. Galler Demenz Kongress

Wie kann die Vernetzung gelingen?

Dementia Care gelingt besser, wenn Pflegende, Angehörige, Institutionen und Gesellschaft an einem Strang ziehen. Am St. Galler Demenz Kongress vom 11. November steht … weiterlesen

Worauf sollten Angehörige bei der Wahl eines Pflegeheims achten?

Ich würde mir die Einrichtung genau anschauen. Wie gehen die Mitarbeitenden mit den Bewohnerinnen und Bewohnern um? Werden sie als Persönlichkeiten wahrgenommen? Wird Beziehung gelebt? Und ich würde ruhig fragen, wie personenzentrierte Pflege im Alltag umgesetzt wird. Das sagt oft mehr aus als jede Broschüre.

Wenn Sie einen Wunsch freihätten: Wie sähe die Versorgung in zehn Jahren aus?

Ich wünsche mir, dass gute Erkenntnisse aus der Forschung nicht in Projekten bleiben. Wir wissen heute viel darüber, was Menschen hilft. Die eigentliche Herausforderung besteht darin, dieses Wissen dauerhaft in die Versorgung zu bringen. Wenn das gelingt, profitieren Menschen mit Demenz, ihre Angehörigen und alle, die sie begleiten.

Informationen und Tickets zum St. Galler Demenz Kongress vom 11. November gibt’s hier: www.demenzkongress.ch

Dieser Beitrag ist ein Zusammenschnitt des Interviews, das Marco Schreyl im Rahmen des DZNE-Podcasts »90 Milliarden« mit Dr. Bernhard Holle führte.