Blog Wolkenfische: Deine andere Frau lebt im Boden
chatbot

Wolkenfische (16)

Deine andere Frau lebt im Boden

Die Frau im Boden bringt deine Sachen zu Ende. Foto artlist

Wenn der Mensch, den man liebt, plötzlich von einer »anderen Frau« spricht, beginnt eine Wirklichkeit zu bröckeln. In ihrem Blog beschreibt Susanna Erlanger, wie die Demenz ihres Mannes Beziehung, Erinnerung und Identität verschiebt – und beide zwingt, sich neu zu begegnen.

104

Deine Frau, deine andere Frau, die im Boden lebt, bringt dort deine Sachen zu Ende, und ­wenn alles erledigt ist, »dann ist fertig«, sagst du: »Dann ist fertig.« – »Die andere Frau ist immer bei dir, auch wenn ich nicht da bin. Sie hilft dir«, sage ich.

»Ich werde am Montag wiederkommen.« Und du fragst: »Darf ich dann auch dabeisein, wenn ihr zusammen seid?« – »Mit wem bin ich am Montag zusammen?« – »Mit der Frau«, erklärst du: »Wenn du mit der Frau zusammen bist.« – »Aber du bist doch die Hauptsache«, entgegne ich. »Du musst dabei sein!«

105

Die sechs Wochen der Schonung deines Beins sind vorbei, und du kannst wieder gehen: gebeugt, ein Greis, und sehr klein, aber du kannst wieder gehen. Du kommst mit vorsichtigen, kleinen Schritten auf mich zu. Ich nehme dich in die Arme, und mir ist das Herz warm, auch wenn da ein Abschied ist, denn du realisierst nicht, wer dich in die Arme nimmt.

In mir weint es und in mir lacht es.

106

Ich muss aufschreiben, was du mir diktierst: »Jedes Mal, wenn es zusammenkommt, ist es eine lustige Sache, dass wir etwas machen, schnell machen. Am Schluss kommt die Frau noch.«

Seit zwei Tagen öffnest du die Augen nicht mehr. Wahrscheinlich ist deine Gallenblase wieder entzündet. (Darauf werde ich die Stationsleiterin hinweisen.)

Ich erzähle dir, dass ich vier Butterzöpfe gebacken habe, und du lächelst. »Ich bin deine Frau«, sage ich. Und du fragst: »Ja wirklich?« – »Mach deine Augen auf, dann siehst du mich.« Später machst du die Augen ganz kurz auf und schaust, ob ich es bin.

»Bist du traurig?«, frage ich, und du bejahst. »Wir beide durchleben eine schwierige Zeit, aber eine wichtige Zeit«, sage ich: »Wir sind auf dem Weg zu dem, was in uns ist, und mit geschlossenen Augen sieht man dies manchmal genauer, als mit offenen.« Du sagst: »Es geht nicht anders, sonst fällt alles zusammen.«

»Wir können nur Geduld haben und abwarten, was der Himmel für uns bestimmt.« Und da sagst du: »Aber nicht mehr lange, nicht mehr lange! Ich weiß jetzt alles!« Später sagst du: »Ich kann nichts mehr tun!« –

»Es fällt mir schwer zu gehen«, sage ich. »Du bist gut, und ich danke dir«, sagst du. »Und du bist gut, und ich danke dir.«

Du hattest Fieber und Schüttelfrost, und der Arzt bestätigt meine Vermutung: Die Gallenblase ist wieder entzündet.

»Die Demenz Meets sind genial! Ich wünsche mir, dass es mehr von ihnen gibt, damit viele Menschen eine bessere Lebensqualität haben. Die Demenz Meets passen wunderbar zu meinem Lebensmotto: lieben, leben, lächeln«.

Lilo Klotz, Beirätin der Deutschen Alzheimer Gesellschaft und von Alzheimer Europe.

Jetzt spenden

107

Fortwährend und unruhig denkt es in mir, nimmt die Zukunft voraus, noch bevor sie Gegenwart wird. – Ich komme mir vor wie ein Vogel, der seinen Kopf immerzu hin- und herrucken muss, um eine Bedrohung sofort wahrnehmen zu können.

»Ich suche meinen Weg«, sage ich. »Aber das ist sehr schwierig.« – »Mach dir keine Sorgen. Du musst nicht überlegen, mach’ es einfach!«, antwortest du.

Im Traum schreibt eine übergrosse Hand mit Kugelschreiber in den Schnee: »DORT WO DU NICHT BIST, BIST DU MIR AM NÄCHSTEN.«

Im Ursprung meines Daseins steckt etwas Verborgenes, das sich mir nicht zeigt, das ich aber erahne und erschreibend finden will. Doch schon nach den ersten Seiten einer Aufzeichnung stoße ich in mir auf Widerstand. Es scheint, als ob ich am Abgrund meiner eigenen Geschichte stünde und mich vor dem Hinuntersteigen scheute. Tagelang bleibe ich dem Schreibtisch fern, verliere mich in Träumereien und vergehe über der Sinnlosigkeit vertaner Zeit.

demenzwiki

Frontotemporale Demenz

Bei einer Frontotemporalen Demenz (FTD) sterben Nervenzellen im vorderen Bereich des Gehirns ab. Weil hier das Sozialverhalten kontrolliert wird, löst FTD starke Veränderungen … weiterlesen

108

Im Traum geht zweimal das Licht im Nebenzimmer an und wieder aus. Ich liege im Bett. Ich müsste nachsehen, wer da ist und rede mir zu: ‚Ich habe den Mut, ich habe den Mut!‘ Ich stehe auf und schaue nach. Aber da ist niemand. Ich will deinen Namen rufen, damit du dich mir zeigst. Aber er bleibt mir im Mund verschlossen. Nur erstickte Laute kommen aus meiner Kehle. Und so wache ich auf: Ich versuche ins Kissen deinen Namen zu rufen und bringe den Mund nicht auf.

Im Traum war niemand da, aber das Licht ging an.

Dieser Bericht ist eine Abrechnung über meine Liebe, die rein gemeint ist und außerhalb der Konvention, doch innerhalb des Unvermögens.

»Ich liebe dich«, ist die Beschwichtigungsformel:

»Ich liebe dich – und du bist geschützt.

Ich liebe dich – und es geht dir gut.

Ich liebe dich – und dir passiert nichts.

Ich liebe dich – und du bist  es wert geliebt zu werden.«

Und dann die erwartete Drohung: »– wenn du meinen Vorstellungen entsprichst…!« – Das ist die eigentliche, das ist die eigene Hölle!

Wolkengebilde

Wolkenfische (1)

Wenn ich dich sehe, bist du ein Anderer

2013 zeigten sich bei meinem Mann erste Symptome von Alzheimer. In diesem Blog begebe ich mich auf die Suche – nach ihm, nach … weiterlesen