20. Februar 2015 – Trennung vollzogen?
Er hinter der dicken Glasscheibe, ich davor. Schalldicht. Aber ich sehe ihn und er mich. Ab und zu ist ein Loch in der Glaswand. Wie am Postschalter, um zu kommunizieren. Dann lebt die Hoffnung erneut, wühlt die ganze Gefühlspalette auf. Er ist doch noch da! Scheinbar.
Von solchen Guckloch-Momenten lebe ich wieder ein paar Tage. Mit viel Trauer und Tränen. Sollte doch öfter hingehen, er ist ja noch da. Öfter, entgegen den vielen Empfehlung von Psychologen und Betreuenden: Sie müssen auch an sich denken, Ihr Leben geht weiter, Sie brauchen Kraft, um ihn zu begleiten…
Mein Tagebuch
Diese Aufzeichnungen sind ehrlich, ungeschminkt, offen und authentisch. Mit der Veröffentlichung im Internet gehe ich bewusst das Risiko des mich (zu sehr?) Öffnens ein – aber mit brennendem Herzen. Meine Notizen zeigen ein eigenes, persönliches und ungeschöntes Bild vom Begleiten meines demenzkranken Partners. Mögen diese Tagebucheinträge Menschen in ähnlicher Situation helfen.(uek) Hier finden Sie alle bisher veröffentlichten Tagebucheinträge.
Dann gehe ich wieder öfter hin und es ist doch kein Guckloch zu finden. Paul geht seinen Arbeiten nach, Brosamen auflesen, oder sie zu kleinen Häufchen aufschichten. Oder das Abschleifen einer Tischkante. Oft muss er Mass nehmen. Mit dem Meterstab, er kann ihn noch immer auf- und zuklappen. Gelernt ist gelernt. Noch. Er arbeitet. Oder schlummert. Oft sieht er mich wie abwesend an, wenn ich ihn begrüsse, schaut eher durch mich hindurch und schliesst die Augen. Ablehnung, denke ich. Oder er erkennt mich nicht.
Mitleid, Mitgefühl. Mit ihm leiden. Mit ihm fühlen. Was kann ich für ihn tun? Wie ihn erreichen? Ich muss lernen, solche Gedanken abzuwehren. Ich kann ihm nicht helfen. Wann endlich werde ich das begreifen? Wir leben in getrennten Welten. Mit meiner Trauer ist ihm nicht geholfen, mir schadet‘s, nimmt mir die Kraft, die ich zum Überleben bräuchte.
Ich hoffe auf eine Zärtlichkeit, ein kleines Leuchten auf seinem Gesicht. Ich gebe meine letzte Kraft, weil ich ihn liebe. Erneut wehre ich mich gegen die oft gehörte Meinung, es seien Schuldgefühle, die mich dazu antrieben, ihn besuchen zu gehen. Nein, es ist die Sehnsucht nach dem Menschen, dem man das JA-Wort gegeben hat, dem man sich aus Liebe verband, auf immer.
Der Wunsch, ihm Nähe zu geben, ihm die Liebe zu zeigen, ihn zu trösten. Das treibt mich zu ihm hin. Auch wenn diese Versuche abprallen an dieser unbarmherzigen, unerbittlich kalten Glaswand. Ich gehe immer wieder, in der Hoffnung ein Guckloch zu finden, wo er mich wahrnimmt, wo ich ihn spüre, wo ein kleines Bisschen Paul aufflackert.
Nach solchen Momenten ist es noch trauriger zu Hause. Tränen fliessen wieder reichlich. Etwas leichter ist es wegzugehen, wenn er aggressiv ist, ungehalten, rastlos. Dann erinnere ich mich an die Zeit zu Hause, an die aufgescheuchten Nächte, an all diese Unruhe, ja, nein, doch, hör auf, gib mir, tu nicht, pass auf, fahr nicht verrückt, komm, geh, lass mich! Die Kämpfe nachts vor verschlossener Tür, als er mich bedrohte und den Schlüssel erzwang. Die eiserne Faust, die mich etwa traf, er darüber dann doch erschrak, sein Schreien, wenn ich ihn nicht gehen liess. Hinaus in die Dunkelheit, in die Kälte, in Unterhosen, barfuss.
Es ist doch gut so, wie es ist. Es ist nicht zu ändern, ich muss die Grausamkeit, Bitterkeit und Schwere der Situation akzeptieren lernen. Es ist sein Weg. Sein Schicksal.
Und ich muss lernen mir selbst einzugestehen: Ich habe meinen Mann verloren. Wir sind Getrennte. Auch wenn er noch da ist, ist er eben doch nicht mehr da. Mein Herz versteht diese Sprache des Loslassens nicht. Ich gehe immer wieder zu ihm. Versuche nun wieder, die Besuche auf vier Tage die Woche zu reduzieren. Um Kraft zu sammeln für ihn, für mich. Es braucht einen langen, langen Atem, seinen Partner zu begleiten und loszulassen. Marathon. Meine Kräfte richtig einschätzen, um nicht auf der Strecke zu bleiben. Aus Liebe.