Interview zum Film »Das unendliche Jetzt«
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Film »Das unendliche Jetzt«

»Mein Bild von Demenz hat sich komplett verändert«

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Tatjana Bollhalder und Martin Bigler sind beide an Demenz erkrankt – und glänzen als Schauspieler. Still aus dem Film

In seinem neuen Film »Das unendliche Jetzt« lässt Regisseur Kaspar Kasics vier Menschen mit Demenz improvisieren. Im Gespräch erzählt er, warum er mit dem Film Neuland betrat – und weshalb ihn die Menschen vor der Kamera sein eigenes Verhältnis zum Leben überdenken ließen.

Wie bist du dazugekommen, einen Film mit Menschen mit Demenz zu machen?

Das Thema hat mich eigentlich gefunden. Mein Freund Franz Dängeli erzählte mir von einem Mitglied seines Improvisationstheaters, das an Demenz erkrankt war und plötzlich wieder mitspielen wollte. Franz war unsicher, ob das funktionieren würde. Doch der Mann spielte mit viel Energie und Fantasie. Er blieb in seiner Rolle. Das hat mich neugierig gemacht.

Du dachtest sofort an einen Film?

Noch nicht. Franz machte später einen Versuch mit Menschen mit Demenz in der Betreuungseinrichtung Almacasa in Regensdorf. Den habe ich mir angeschaut. Danach sagte ich zu ihm: Wenn wir geeignete Menschen finden, würde ich einen Film riskieren.

Warum »riskieren«?

Weil ich nicht wusste, ob es wirklich funktioniert. Bei meinen früheren Filmen hatte ich trotz anspruchsvoller Themen eine Vorstellung davon, wohin es gehen könnte. Hier nicht. Ich wusste nicht, ob Menschen mit Demenz über längere Zeit improvisieren können. Genau diese Unsicherheit hat mich gereizt.

Zur Person

Kaspar Kasics ist Filmregisseur und Produzent. Er wurde in Interlaken geboren und wuchs in Zürich auf. Nach einem Musikstudium studierte er Germanistik, Philosophie und Geschichte und promovierte. Von 1984 bis 1989 arbeitete er als Redaktor, Realisator und Moderator beim Schweizer Fernsehen. Seit 1990 ist er selbstständiger Filmregisseur und Produzent. Zu seinen Kinodokumentarfilmen gehören »Blue End«, »Yes No Maybe«, »Das Erste und das Letzte« und »Erica Jong – Breaking the Wall«.

Die vier Menschen mit Demenz lernen für den Film keinen Text. Wie muss man sich die Dreharbeiten vorstellen?

Wir haben eine Fabrikhalle abgedunkelt und mit Möbeln und Requisiten eingerichtet. Dann ließen wir die Menschen hineingehen und schauten, was passiert. Sie betrachteten die Gegenstände, reagierten darauf und entwickelten erste Gedanken. Daraus entstanden Szenen. Wir gaben nur die Situation und die Beziehungen vor. Was sie daraus machten, gehörte ihnen.

Zum Beispiel?

Christian Sonderegger und Tatjana Bollhalder spielten ein Paar. Wir konnten etwa sagen: Ihr seid im Lehrerzimmer. Deine Partnerin kommt herein und legt dir wortlos die Vorbereitung für die Schulstunde hin, die du wieder vergessen hast. Mehr nicht. Was danach geschah, entstand im Moment.

»Ich musste meine Kontroll- und Ordnungsprinzipien über Bord werfen«

Das heißt: Du wusstest als Regisseur selbst nicht, was passieren würde?

Kaspar Kasics
Kaspar Kasics

Nein. Nach einer oder zwei Szenen überlegten wir, wie es weitergehen könnte. Natürlich hatte ich die Dramaturgie im Kopf. Aber auch ich musste meine Kontroll- und Ordnungsprinzipien über Bord werfen. Ich musste wie die Protagonisten aus dem Jetzt heraus entscheiden. So frei habe ich noch nie gearbeitet.

Warum funktionierte diese Freiheit bei Menschen mit Demenz so gut?

Ein wichtiger Grund war die Arbeit von Spielcoach Franz Dängeli. Er vermittelte ihnen: Ihr könnt nichts falsch machen. Alles darf entstehen. Das haben sie sehr schnell verstanden. Christiane Meier sagte sinngemäß schon zu Beginn: Jetzt können wir machen, was wir wollen. Jetzt müssen wir keine Angst haben, etwas falsch zu machen.

Diese Angst spielt bei Demenz eine große Rolle?

Ja. Menschen mit Demenz erleben oft, dass sie etwas nicht mehr richtig machen. Oder andere nehmen sie nicht mehr voll ernst. Im Spiel fiel das weg. Plötzlich entstand Freiheit. Das war eine meiner Grundmotivationen für den Film: zu zeigen, dass im Verlust auch etwas Neues entstehen kann.

»So ein Drehbuch kann man nicht schreiben«

Die Szenen wirken teilweise sehr persönlich und intim. Gab es Momente, die dich selbst getroffen haben?

Fast in jeder Szene. Christian hadert in einer Szene lange mit sich, weil er weiß, worauf es hinausläuft, es aber nicht wahrhaben will. Dann sagt er plötzlich: »Dann bin ich niemand mehr.« Das ist ein Hammer. Einen solchen Satz könnte ich nicht schreiben. Ein solches Drehbuch kann man nicht schreiben.

Gab es noch andere solche Momente?

Christiane spricht über den Verlust ihrer Selbstständigkeit. Tatjana wehrt sich mit aller Kraft gegen die Vorstellung, einmal in einem Heim leben zu müssen. Und Martin Bigler sagt diesen wunderbaren Satz: »Das Glück musst du erkennen.« Solche Sätze entstehen einfach. Die Menschen kommen dabei auf eine Ebene, die auch uns etwas über unser Leben erzählt.

Der Film zeigt Menschen mit Demenz sehr offen. Wie hast du verhindert, dass sie vorgeführt werden?

Diese Frage stellt sich in jedem Dokumentarfilm. Man will hinter die Fassade schauen und tiefer gehen. Dabei kommt immer der Moment, in dem jemand etwas sagt, das er später vielleicht bereut. Wir haben unsere Protagonisten von Anfang an als mündige Menschen behandelt. Wenn jemand nicht weitergehen wollte, haben wir das respektiert.

Konnten sie diese Grenzen selbst deutlich machen?

Sehr deutlich. Bei Christian gab es einmal einen Punkt, an dem er sagte: »Nein, das geht mir zu weit.« Dann war Schluss. Ich hatte sogar den Eindruck, dass wir diese Grenzen schneller spürten als bei Menschen ohne Demenz. Sie reagierten sehr unmittelbar. Wir wollten mit dem Film gerade zeigen, dass man Menschen in frühen und mittleren Phasen der Demenz ernst nehmen kann.

»Lange fühlte ich mich mit der Erkrankung meiner Mama allein. Auf den Demenz Meets erlebte ich ein besonderes Gemeinschaftsgefühl. Diese Treffen sind für mich wichtig, weil ich dadurch erlebe, dass ich nicht allein bin.«

Peggy Elfmann, Angehörige und Autorin

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Der Film ist Dokumentarfilm, Spielfilm, Kammerspiel und Experiment zugleich. Was ist er für dich?

Ich habe ihn anfangs einen hybriden Dokumentarfilm genannt. Das hat kaum jemand verstanden. Deshalb sage ich heute einfach Dokumentarfilm. Er enthält Spielszenen, aber der Inhalt bleibt dokumentarisch. Die Menschen mit Demenz spielen keine völlig fremden Figuren. Ihre Erfahrungen und ihr eigenes Leben fließen immer in die Szenen ein.

»Die Rollen mussten nahe bei ihnen bleiben. Gerade deshalb wirken die Szenen so stark.«

Warum war dir diese Nähe zum eigenen Leben wichtig?

Wir hätten Christian einen Polizisten spielen lassen können oder Christiane eine Krankenschwester. Das wollte ich nicht. Die Rollen mussten nahe bei ihnen bleiben. Gerade deshalb wirken die Szenen so stark. Man merkt: Sie fantasieren nicht einfach etwas. Was sie sagen, kommt aus ihrer Erfahrung und ihrem Leben.

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Christiane Meyer erzählt im Film von hochwertigen Kleidern und Parfüms.Still aus dem Film

Wie lange habt ihr gedreht?

Drei Wochen. Wir hatten nur dieses Zeitfenster für die Fabrikhalle. Pro Tag konnten wir höchstens zwei, manchmal drei Szenen drehen. Wir mussten Licht, Requisiten und die Situation vorbereiten. Dazu kam das Coaching. Eine einzelne improvisierte Szene dauerte im Schnitt etwa 50 Minuten, die längste sogar 100 Minuten.

Und danach hattest du einen ganzen Berg Material vor dir.

Ich habe fast zehn Monate mit einem jungen Editor geschnitten. Manchmal glaubte ich beim Dreh, eine Szene funktioniere nicht. Im Schnitt entdeckten wir darin plötzlich etwas. Umgekehrt galt: Je genauer wir vorher wussten, was eine Szene werden sollte, desto schlechter funktionierte sie. Wir mussten lernen, dem Material zu vertrauen.

Hat dich diese Art zu arbeiten als Regisseur verändert?

Ja. Ich habe Neuland betreten. Normalerweise versucht man, eine Geschichte vorauszudenken. Hier ging das nicht. Ich musste Kontrolle abgeben und meiner Intuition vertrauen. Das ist im Grunde das Wesen von Kreativität: Man weiß nicht genau, was am Schluss entsteht. Diese Erfahrung macht Lust auf mehr.

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Und was hast du über Demenz gelernt?

Mein Bild hat sich komplett verändert. Wie viele Menschen dachte ich: Demenz ist eine Katastrophe, mit diesen Menschen kann man irgendwann nicht mehr richtig reden, alles geht verloren. Ich übertreibe etwas, aber dieses Bild hatte ich. Mir war nicht bewusst, wie lange Menschen mit Demenz noch sehr viel wahrnehmen, ausdrücken und erleben können.

Was hat dich besonders überrascht?

Der Humor. Die Fantasie. Die Fähigkeit, Beziehungen aufzubauen. Namen werden vielleicht vergessen, aber eine emotionale Verbindung kann trotzdem da sein. Christian hat mich dabei besonders beeindruckt. Er spricht sehr offen darüber, was ihm verloren geht – und darüber, was er dadurch vielleicht auch gewinnt.

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Christian Sonderegger musste wegen seiner Demenzerkrankung frühzeitig in Pension gehen. Hier ist er mit der Schauspielerin Johanna Rensing vor der Kamera.Still aus dem Film

»Wenn wir nur den Verlust sehen, sehen wir den Menschen nicht mehr«

Was gewinnt er?

Das Loslassen von Kriterien, Kontrolle und Korrektheit. Vielleicht können wir von Menschen mit Demenz etwas lernen: stärker im Moment zu sein.

Das klingt beinahe provokativ. Demenz bleibt schließlich eine schwere Krankheit.

Natürlich. Ich will die Krankheit überhaupt nicht verklären. Wir zeigen auch Angst, Trauer und den Verlust von Autonomie. Aber wenn wir nur den Verlust sehen, sehen wir den Menschen nicht mehr. Genau dagegen richtet sich der Film. Mich interessiert, was bleibt und was vielleicht neu sichtbar wird.

Ein solchesWas sollen die Zuschauerinnen und Zuschauer nach 98 Minuten mit nach Hause nehmen?

Ich wünsche mir einen Perspektivenwechsel. Dass man Menschen mit Demenz nicht vorschnell abschreibt. Dass man ihnen etwas zutraut, mit ihnen redet, lacht und sie herausfordert. Und vielleicht auch die Erkenntnis, dass wir alle etwas stärker im Jetzt leben könnten. Denn das Leben findet genau dort statt.


Das unendliche Jetzt

Dokumentarfilm von Kaspar Kasics, Schweiz 2026, 98 Minuten, Schweizerdeutsch und Französisch, deutsche und französische Untertitel, Kinostart Deutschschweiz: 1. Oktober 2026


Premierentour in Anwesenheit von Regisseur Kaspar Kasics sowie Protagonistinnen und Protagonisten, Cast und Crew

Sonntag, 20. September, 11.00 Uhr – Kino Riffraff, Zürich
Mittwoch, 23. September, 11.00 Uhr – Kino Bourbaki, Luzern
Donnerstag, 24. September, 20.30 Uhr – Kino Riffraff, Zürich
Montag, 28. September, 18.00 Uhr – Kino Sputnik, Liestal
Mittwoch, 30. September, 20.00 Uhr – Kinok, St. Gallen; mit Kaspar Kasics und Tatjana Bollhalder
Sonntag, 4. Oktober, 12.30 Uhr – CineMovie, Bern; Filmmittag mit anschließendem Gespräch zum Thema Demenz mit Kaspar Kasics sowie Betroffenen und Expertinnen und Experten
Sonntag, 11. Oktober, 11.00 Uhr – Kino Wildenmann, Männedorf
Sonntag, 11. Oktober, 18.00 Uhr – SchlossCinema, Wädenswil
Sonntag, 18. Oktober, 18.00 Uhr – Orion, Dübendorf