Wie bist du dazugekommen, einen Film mit Menschen mit Demenz zu machen?
Das Thema hat eigentlich mich gefunden. Mein Freund Franz Dängeli erzählte mir von einem Mitglied seines Improvisationstheaters, das an Demenz erkrankt war und plötzlich wieder mitspielen wollte. Franz war neugierig, ob das funktionieren würde. Doch der Mann spielte mit unglaublich viel Energie und Fantasie. Er blieb in seiner Rolle. Das hat mich neugierig gemacht.
Du dachtest sofort an einen Film?
Noch nicht. Franz leitete später ein Pilotprojekt mit Menschen mit Demenz in der Betreuungseinrichtung Almacasa in Regensdorf. Das habe ich mir angeschaut. Danach sagte ich zu ihm: Wenn wir geeignete Personen finden, würde ich einen Film riskieren.
Warum »riskieren«?
Weil ich nicht wusste, ob es wirklich funktioniert. Bei meinen früheren Filmen hatte ich trotz anspruchsvoller Themen eine Vorstellung davon, wohin die Reise gehen könnte. Hier nicht. Ich wusste nicht, ob Menschen mit Demenz über längere Zeit improvisieren können. und ob es gelingt, eine spannende filmische Szenenfolge mit ihnen zu kreieren. Genau diese Unsicherheit hat mich aber gereizt.
Zur Person
Kaspar Kasics ist Filmregisseur und Produzent. Er wurde in Interlaken geboren und wuchs in Zürich auf. Nach einem Musikstudium studierte er Germanistik, Philosophie und Geschichte und promovierte. Von 1984 bis 1989 arbeitete er als Redaktor, Realisator und Moderator beim Schweizer Fernsehen. Seit 1990 ist er selbstständiger Filmregisseur und Produzent. Zu seinen Kinodokumentarfilmen gehören »Blue End«, »Yes No Maybe«, »Das Erste und das Letzte« und »Erica Jong – Breaking the Wall«.
Die vier Menschen mit Demenz lernen für den Film keinen Text. Wie muss man sich die Dreharbeiten vorstellen?
Wir haben eine Fabrikhalle abgedunkelt und mit Möbeln und Requisiten eingerichtet. Dann ließen wir die Beteiligten hineingehen und beobachteten, was passiert. Sie betrachteten die Gegenstände, reagierten darauf und entwickelten erste Gedanken. Daraus entstand eine erste Szene. Aus jeder Szene entwickelten wir eine weiter. Wir gaben nur die Situation und die Beziehungen vor. Was sie daraus machten, lag ganz in ihren Händen.
Zum Beispiel?
Christian Sonderegger und Tatjana Bollhalder spielten in der allerersten Szene ein Paar. So schlugen wir später eine Szene im Lehrerzimmer vor, wo Christian an einem Schreibtisch sitzt. Tatjana kommt unerwartet hinein und legt ihm wortlos die Vorbereitungen für die Schulstunde hin, die er wieder zu Hause vergessen hat. Mehr nicht. Was danach geschah, entstand alles im Moment des Drehs.
»Ich musste meine Kontroll- und Ordnungsprinzipien über Bord werfen«
Das heißt: Du wusstest als Regisseur selbst nicht, was passieren würde?

Nein. Nach jeder Szene überlegten wir, wie es weitergehen könnte. Natürlich hatte ich eine mögliche Dramaturgie im Kopf. Aber ich musste meine Kontroll- und Ordnungsprinzipien über Bord werfen. Ich musste wie die Protagonisten aus dem Jetzt heraus entscheiden. So frei habe ich noch nie gearbeitet.
Warum funktionierte diese Freiheit bei Menschen mit Demenz so gut?
Ein wichtiger Grund war die Arbeit von Spielcoach Franz Dängeli. Er vermittelte ihnen, dass sie nichts falsch machen können. Alles darf entstehen. Das haben sie sehr schnell verstanden. So sagte Christiane Meier schon zu Beginn: Jetzt können wir machen, was wir wollen. Sie hatten keine Angst mehr davor, etwas falsch zu machen.
Diese Angst spielt bei Demenz eine große Rolle?
Ja. Menschen mit Demenz erleben oft, dass sie etwas nicht mehr richtig machen. Oder andere nehmen sie nicht mehr ernst. Im Spiel fiel das weg. Plötzlich entstand Freiheit. Das war auch eine meiner Grundmotivationen für den Film: zu zeigen, dass im Verlust auch etwas Neues entstehen kann.
»So ein Drehbuch kann man nicht schreiben«
Die Szenen wirken teilweise sehr persönlich und intim. Gab es Momente, die dich selbst getroffen haben?
Fast in jeder Szene. Christian hadert in einer Szene lange mit sich, weil er weiß, worauf eine medizinische Abklärung hinausläuft, was er aber nicht wahrhaben will. Dann sagt er plötzlich: »Dann bin ich niemand mehr.« Das ist ein Hammer. Einen solchen Satz hätte ichnicht schreiben können. Ein solches Drehbuch kann man nicht schreiben.

