demenzjournal: Liebe Astrid, was war der Moment, der dich zum Thema Kommunikation ohne Worte gebracht hat?
Astrid Steinmetz: Es gab viele Momente, in denen ich an die Grenzen der Sprache stieß. Aber einen habe ich besonders im Sinn. Ich war eine junge Therapeutin, frisch im Beruf, und ging motiviert in das Zimmer eines Mannes. Er war um die 70 Jahre alt, hatte eine Tumorerkrankung und kognitive Einschränkungen.
Ich ging voller guter Absichten zu ihm. Sein Stirnrunzeln hatte ich zwar bemerkt, war aber darüber hinweggegangen. Dann hat mich dieser Mann angespuckt.
Zur Person
Dr. Astrid Steinmetz ist Gerontologin, Musiktherapeutin und Sozialpädagogin. Seit fast 30 Jahren arbeitet sie mit schwer kranken Menschen und Menschen mit Demenz. Mit ihrem Konzept »Kommunikation ohne Worte – KoW®« hat sie mehr als 25.000 Fachkräfte und Angehörige geschult. Ihr neues Buch »Glücksmomente. Geschichten vom Lebensende« ist im Carl-Auer Verlag erschienen.
Das ist ein deutliches Zeichen.
Ja. Und ich dachte: Meine Güte, wie weit bin ich über seine Grenzen gegangen, dass er sich so wehren muss?
Ich nahm mir vor, künftig sehr genau hinzuschauen. Denn jemand, der eingeschränkt ist, hat oft wenig Autonomie in seinem Leben. Es wird viel über ihn bestimmt. Ich möchte Menschen erfahren lassen, dass sie auch ohne Worte mitsteuern können. So habe ich angefangen, mich mit Körpersignalen und Kommunikation ohne Worte zu beschäftigen.
Du hast das Trainingsprogramm »Kommunikation ohne Worte« entwickelt. Worum geht es dabei?

Ich schule vier Kompetenzbereiche. Im ersten geht es um das Dekodieren. Wir alle lesen ständig die Signale unserer Mitmenschen. Dabei liegen wir aber auch gern daneben. Denn wir folgen unseren Wahrnehmungsgewohnheiten und schauen nicht immer genau hin.
Forschungen zeigen, dass wir in 20 bis 40 Prozent der Fälle falsch liegen, wenn wir einer Mimik Emotionen zuordnen. Und das bei gesunden Menschen.
Wie verändert sich das durch eine Demenz?
Die Wahrnehmung verändert sich. Menschen mit Demenz fällt es schwer, Mimik und Gestik einzeln zu entschlüsseln. Sie nehmen ihre Umwelt viel fragmentierter wahr, nicht mehr so koordiniert.
Schon bei der Ansprache beginnen oft die Kommunikationsprobleme. Wenn ich auf eine gesunde Person zugehe, spreche ich sie vielleicht von hinten oder von der Seite an. Sie dreht sich zu mir – und schon sind wir im Kontakt.
Ein Mensch mit Demenz kann eine Stimme aus dem Off möglicherweise nicht mehr zuordnen. Er wendet sich nicht zu, fühlt sich vielleicht überfallen und reagiert verängstigt oder verärgert. Auch der betreuende oder pflegende Mensch erlebt dann Frust. Beide brauchen Momente des Gelingens und des Miteinanders. Und das ist auch ohne Worte möglich.