Wie Kommunikation ohne Worte bei Demenz gelingt
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»Ich zelebriere die Verbindung«

Kommunikation bei Demenz

Wenn wir unseren Wahrnehmungsgewohnheiten folgen, schauen wir zuwenig genau hin. Foto Véronique Hoegger

Mit einer Demenz verändert sich oft auch die Kommunikation. Astrid Steinmetz zeigt, wie Verständigung ohne Worte gelingt – und wie daraus Nähe entstehen kann.

demenzjournal: Liebe Astrid, was war der Moment, der dich zum Thema Kommunikation ohne Worte gebracht hat?

Astrid Steinmetz: Es gab viele Momente, in denen ich an die Grenzen der Sprache stieß. Aber einen habe ich besonders im Sinn. Ich war eine junge Therapeutin, frisch im Beruf, und ging motiviert in das Zimmer eines Mannes. Er war um die 70 Jahre alt, hatte eine Tumorerkrankung und kognitive Einschränkungen.

Ich ging voller guter Absichten zu ihm. Sein Stirnrunzeln hatte ich zwar bemerkt, war aber darüber hinweggegangen. Dann hat mich dieser Mann angespuckt.

Zur Person

Dr. Astrid Steinmetz ist Gerontologin, Musiktherapeutin und Sozialpädagogin. Seit fast 30 Jahren arbeitet sie mit schwer kranken Menschen und Menschen mit Demenz. Mit ihrem Konzept »Kommunikation ohne Worte – KoW®« hat sie mehr als 25.000 Fachkräfte und Angehörige geschult. Ihr neues Buch »Glücksmomente. Geschichten vom Lebensende« ist im Carl-Auer Verlag erschienen.

Das ist ein deutliches Zeichen.

Ja. Und ich dachte: Meine Güte, wie weit bin ich über seine Grenzen gegangen, dass er sich so wehren muss?

Ich nahm mir vor, künftig sehr genau hinzuschauen. Denn jemand, der eingeschränkt ist, hat oft wenig Autonomie in seinem Leben. Es wird viel über ihn bestimmt. Ich möchte Menschen erfahren lassen, dass sie auch ohne Worte mitsteuern können. So habe ich angefangen, mich mit Körpersignalen und Kommunikation ohne Worte zu beschäftigen.

Du hast das Trainingsprogramm »Kommunikation ohne Worte« entwickelt. Worum geht es dabei?

Astrid Steinmetz
Astrid SteinmetzPD

Ich schule vier Kompetenzbereiche. Im ersten geht es um das Dekodieren. Wir alle lesen ständig die Signale unserer Mitmenschen. Dabei liegen wir aber auch gern daneben. Denn wir folgen unseren Wahrnehmungsgewohnheiten und schauen nicht immer genau hin.

Forschungen zeigen, dass wir in 20 bis 40 Prozent der Fälle falsch liegen, wenn wir einer Mimik Emotionen zuordnen. Und das bei gesunden Menschen.

Wie verändert sich das durch eine Demenz?

Die Wahrnehmung verändert sich. Menschen mit Demenz fällt es schwer, Mimik und Gestik einzeln zu entschlüsseln. Sie nehmen ihre Umwelt viel fragmentierter wahr, nicht mehr so koordiniert.

Schon bei der Ansprache beginnen oft die Kommunikationsprobleme. Wenn ich auf eine gesunde Person zugehe, spreche ich sie vielleicht von hinten oder von der Seite an. Sie dreht sich zu mir – und schon sind wir im Kontakt.

Ein Mensch mit Demenz kann eine Stimme aus dem Off möglicherweise nicht mehr zuordnen. Er wendet sich nicht zu, fühlt sich vielleicht überfallen und reagiert verängstigt oder verärgert. Auch der betreuende oder pflegende Mensch erlebt dann Frust. Beide brauchen Momente des Gelingens und des Miteinanders. Und das ist auch ohne Worte möglich.

Wie gelingt es, gut miteinander zu kommunizieren?

Der erste Schritt ist, die Signale genau zu erkennen, also zu dekodieren. Dabei sollte man nicht nur auf die Mimik achten, sondern den ganzen Körper lesen. Und schauen, in welche Richtung die Reaktion geht.

Grob gesagt gibt es drei Richtungen: Zeigt die Person eine Zuwendungsreaktion, eine Abwendungsreaktion oder keine Reaktion? Letzteres wird oft als Ablehnung missverstanden. Meist ist es aber ein Zeichen dafür, dass die Person nicht verstanden hat.

Der zweite Schritt ist das Enkodieren. Dabei setzen wir unsere eigene Körpersprache gezielt ein: Von wo nähere ich mich? Wie klingt meine Stimme?

Im dritten Bereich geht es um das Regulieren. Im vierten darum, miteinander in einen Dialog zu kommen. Das Ziel sind kleine nonverbale Dialogräume, ähnlich wie bei einem Pingpongspiel. Selbst mit sehr stark eingeschränkten Menschen ist ein Dialog möglich.

Worauf kommt es dabei an?

Die Kontaktaufnahme ist entscheidend. Ich empfehle, die ganze Aufmerksamkeit in diesen Prozess zu investieren. Wir nähern uns anderen Menschen häufig sehr schnell. Wenn sich jemand dagegen wehrt, ist das eine gesunde Reaktion. Wenn ich mich einem Menschen nähere, dann am besten langsam.

Ich fange schon an zu sprechen, wenn ich noch nicht in seinem Blickfeld bin. Ich spinne einen akustischen Faden. So kann der Mensch wahrnehmen, dass jemand in seine Welt kommt. Dann stelle ich keine Frage. Kein »Wie geht es dir?« oder »Na, was machst du?« Stattdessen sage ich mit ruhiger Stimme: »Hallo, ich komme mal zu dir.« Oder: »Ach, ich sehe, du sitzt da.«

So bewege ich mich langsam in das Blickfeld. Dann begebe ich mich auf die Höhe der Person. Ich setze oder hocke mich hin, wenn sie sitzt oder im Bett liegt. Es ist wichtig, dass sich unsere Blicke begegnen können. Und dass ich der Person dafür Zeit gebe.

Wie geht es dann weiter?

Wenn sich unsere Blicke gefunden haben, drücke ich meine Freude darüber aus und sage: »Wie schön, jetzt sehen wir uns.« Ich zelebriere die Verbindung. Das schafft zwischen uns unsichtbare Fäden, die uns tragen.

Dann schaue ich, was die Person macht, und gehe darauf ein. Schaut sie aus dem Fenster, schaue ich mit hinaus und sage vielleicht: »Ach, da draußen steht der Baum.« Oder ich sehe, dass jemand Angst hat, und sage: »Oh, du hast so eine Angst. Ich bin da.« Dann kann ich fragen: »Magst du mir die Hände geben?« Und wir halten uns fest.

Ein verärgerter Mann sitzt am Tisch.

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Das ist aber schon komplex. Zuerst geht es darum, die Aufmerksamkeit zu gewinnen. Dann schaue ich: Wo ist das Interesse? Wo ist das Gefühl? Jede Situation muss man neu betrachten. Ein schwerhöriger Mensch braucht etwas anderes als jemand, der im Bett liegt oder gerade Angst hat.

Welche Rolle spielen Berührungen bei der Kommunikation ohne Worte?

Die Hände sind ein zentrales Element, um Körpersignale zu lesen. An ihnen können wir Spannung und Unruhe gut erkennen. Mit unseren Händen können wir auch Anspannung lösen und Halt geben. Aber nicht mit den Streicheleinheiten, die wir so häufig ungefragt verteilen. Schnelle, kurze Bewegungen lösen eher Stress aus.

Was ich häufig mache: Ich begleite die Atmung über die Hände. Dafür lege ich ein oder zwei Finger in den Handteller der Person. Beim Einatmen erhöhe ich den Druck ganz leicht. Beim Ausatmen lasse ich wieder nach.

So verbinden wir uns. Das nennt man kreuzmodale Synchronisation. Dadurch kann ich direkt bei der anderen Person sein. Allein über unsere Hände kann ich ihre Atmung begleiten und helfen, die Anspannung zu regulieren.

»Es braucht Orte wie die Demenz Meets, wo man sich austauschen kann. Hier ist man willkommen – man kann Freud und Leid miteinander teilen.«

Lilly Ebneter, Junge Angehörige und Yogalehrerin

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Was sind die wichtigsten Prinzipien für eine gute Kommunikation?

Am wichtigsten ist es, genau hinzuschauen und sich in die Welt des anderen einzufädeln. Gerade bei starken Gefühlen wie Ärger, Angst oder Unsicherheit versuchen wir oft, das Gefühl wegzureden oder zu beschwichtigen. Es geht aber darum, das Gefühl anzuerkennen.

Wenn mein Gegenüber Angst hat und ich sage: »Du brauchst keine Angst zu haben«, banalisiert das sein Gefühl. Ein Mensch, der Angst hat, braucht Halt und Sicherheit.

Welche Äußerungen oder Verhaltensweisen werden von Pflegenden oft falsch interpretiert?

Das sind häufig stereotype Verhaltensweisen: Rufen, Klopfen, Wischen oder Umherwandern. Das empfinden wir oft als störend. Und dazu haben wir ein gutes Recht, denn es ist anstrengend, das tagaus, tagein mitzuerleben.

Allerdings bauen wir dann innerlich so etwas wie eine Gegnerschaft auf. Damit werden wir weder dem Menschen mit Demenz gerecht, noch hilft es uns selbst. Denn auch uns geht es in einer solchen Situation nicht gut. Deshalb ist es hilfreich zu schauen, welche Auslöser hinter diesen Verhaltensweisen stecken könnten. Vielleicht fühlt sich jemand gerade überfordert, weil im Raum zu viel los ist. Die Person sitzt im Tagesraum, der Fernseher läuft und das Geschirr klappert. Das Rufen oder Klopfen kann dann ein Versuch sein, sich von der Umgebung abzuschotten.

Es kann auch bedeuten, dass sich die Person körperlich unwohl fühlt. Vielleicht sitzt sie unbequem oder ihr ist kalt. Ihre Not kann sie nicht anders ausdrücken. Es ist deshalb so wichtig, diese Verhaltensweisen zu erforschen. Denn sie haben fast immer einen guten Grund.

Wie sieht das konkret im Pflegealltag aus?

Neulich erzählte mir ein Teilnehmer nach meinem Kurs von einer solchen Situation. In seinem Heim betreute er eine Dame, die seit Jahren nicht mehr sprach. Sie machte aber immer wieder Wischbewegungen auf dem Tisch. Er stellte sich neben sie, nahm diese Bewegung auf und wischte mit ihr den Tisch. Das nennt sich modale Synchronisation. In diesem Moment hielt sie inne und fragte: »Was kann ich denn sonst noch tun?«

Er hat ein Stück ihres Innenlebens gespürt, das bis dahin verborgen war. Sie konnte diesen Einblick geben, weil sie nicht mehr die Fremdheit zwischen sich und ihrer Umwelt gespürt hat. Stattdessen entstand Verbundenheit, ein Miteinander.

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Das ist gar nicht so einfach, sich darauf einzulassen, oder?

Nein, es braucht Mut und Übung. Immer wenn wir etwas Neues machen, das wir zuvor noch nie gemacht haben, braucht es Mut. Je mehr Erfolgserlebnisse wir haben, desto mehr wächst dieser Mut.

Manchmal sind Pflegekräfte skeptisch und sagen, das würde zu viel Zeit beanspruchen. Aber wie viel Zeit geht verloren, wenn ich auf einen Bewohner zugehe und das Miteinander nicht gelingt? Wenn sich jemand verweigert und ich drei-, vier- oder fünfmal zu der Person gehen muss, sind am Ende beide frustriert. Die Stressspirale dreht sich weiter. Wenn ich Stress und Druck herausnehme und mich wirklich auf die Person einlasse, dauert es nicht einmal länger. Und der Effekt ist für alle viel besser.

Was hast du aus all den Jahren mit Menschen mit Demenz für deine eigene Kommunikation gelernt?

Sie haben mich alles gelehrt, was ich heute lehre. Denn ich gebe nur weiter, was mit ihnen funktioniert hat. Sie haben mich gelehrt, langsam zu sein, schlicht zu werden und viele Pausen zu lassen. Pausen sind kein leerer Raum. In ihnen geschieht viel Feines zwischen uns: ein kleiner Blick, ein gemeinsamer Atemzug, ein Seufzer.

Welchen Satz möchtest du Angehörigen zum Abschluss mitgeben?

Es lohnt sich, auf die Suche zu gehen. Man wird mit wunderschönen nonverbalen Antworten belohnt. Und die machen einen selbst glücklich.

www.desideria.org