Liebe Anja, welche Rolle spielt die Wut im Pflege-Alltag. Wie nimmst du das aus der Arbeit mit Angehörigen wahr?
Ich habe den Eindruck, dass eigentlich jeder pflegende Angehörige Situationen kennt, in denen Wut auftaucht. Aber es ist ein verdrucktes und schwieriges Thema. Es kostet Mut darüber zu reden. Wenn wir beispielsweise zwei Stunden in der Angehörigengruppe über alles Mögliche sprechen, kommt dann ganz am Ende des Treffens noch ein Kommentar wie: »Manchmal macht es mich einfach wütend.« Dann stimmen alle ein, so als dürften sie jetzt endlich etwas loswerden, was alle sehr belastet,
Das klingt, als ob viel Scham mit der Wut einhergeht.
Genauso ist es. Es ist wichtig, dass wir der Wut mehr Raum geben und darüber nachdenken: Wo kommt sie denn her, die Wut? Was will sie sagen? Und wie will ich mit ihr umgehen?
Zur Person
Anja Kälin ist Familiencoach und Mitgründerin von Desideria. Sie kennt das Thema Demenz auch aus der eigenen Familie und hat ihre Mutter lange gepflegt. Bei Desideria leitet sie verschiedene Angehörigengruppen und hat eine Gruppe für junge Pflegende ins Leben gerufen, die Demenz Buddies. Ihr Buch „Denk auch an dich“ ist im PAL-Verlag erschienen.
Auch die Person mit Demenz kann wütend werden. Was führt zu aggressiven Verhalten?
Nehmen wir mal den Anfang, die leichte Demenz. Wenn ich mir vorstelle wie es wohl ist, wenn Alltagskompetenzen immer mehr verschwinden oder ich mit Dingen, die ich immer gut konnte, nicht mehr klarkomme, dann fühlt sich das wie Scheitern an und kann Frust auslösen. Wenn ich immer wieder in Momenten im Alltag frustriert werde, weil Dinge nicht mehr klappen, dann werde ich irgendwann wütend. Ich muss mich also nur in die Schuhe des Menschen mit Demenz stellen, um zu verstehen, was da passiert.
Taucht Wut dann vor allem zu Beginn in der ersten Phase der Demenz auf?
Nein. Wut ist ein Gefühl und kann in jeder Phase der Erkrankung als Reaktion auftreten. Es ist eher die Frage, welches Grundbedürfnis beim Menschen mit Demenz gerade nicht befriedigt ist, dass er das Gefühl so deutlich zeigen muss. In der fortgeschrittenen Demenz geht es meist um Orientierung und Schutz. Eventuell kann der Mensch mit Demenz seinen Wunsch nach mehr Orientierung, Schutz und Sicherheit nicht mehr benennen.
In diesem Erleben steckt dann oft schon die Ursache für den Ärger. Es ist natürlich auch von der Demenzform und vom Verlauf der Erkrankung abhängig und von der Persönlichkeit. Wenn ich ein Mensch bin, der immer schon ärgerlich reagiert hat, kann es sein, dass ich dieses Verhaltensmuster in der Demenz weiterhin zeige. Unabhängig davon spielen die Reaktionen des Umfelds eine wichtige Rolle.

Inwieweit spielen die Reaktionen und Aussagen der Angehörigen hinein?
Es kann passieren, dass man da in eine ungute Dynamik gerät. Wenn zum Beispiel dein Papa wutschnaubend fragt, wo sein Schlüssel ist und sich beschwert, dann ist es wenig hilfreich, wenn man darauf genervt reagiert oder selber Vorwürfe macht. Das verstärkt die Wutspirale eher noch. Besser wäre es dann, dem Vater zu helfen, aus der Wut herauszukommen.
Welche Strategien helfen dann?
Zunächst mal das Verständnis für die Situation. Zu sagen: »Ja, ich kann das verstehen. Das würde mich auch wütend machen, wenn ich meinen Schlüssel nicht finden kann.« Auch ablenken ist eine hilfreiche Strategie. Man könnte sagen: »Ich habe auch einen Schlüssel. Wir suchen deinen später noch einmal. Komm, wir gehen jetzt erstmal in den Garten.«
Ich weiss aus eigener Erfahrung, dass das nicht so leicht ist. Oft schwappt die Wut eher über und dann ist das wie eine Spirale, in die man gerät. Was kann man dann tun?
Dann funktioniert die Co-Regulation gut. Es geht darum, sich erstmal selbst zu regulieren und ruhig zu werden. Da hilft zum Beispiel atmen. Das ist ein sehr guter Separator. Viktor Frankl hat mal gesagt: »Zwischen Reiz und Reaktion liegt ein Raum. In diesem Raum liegt die Möglichkeit zur Wahl unserer Reaktion.« Bevor ich also reagiere und ärgerlich werde, kann ich dieses innere Stoppschild nutzen und ein- oder zweimal tief durchatmen. Durch die eigene innere Ruhe vermittelt man der anderen Person Sicherheit. Menschen mit Demenz brauchen diese Co-Regulation, weil sie die Fähigkeit zur Selbstregulation durch die Krankheit verlieren.