Wut bei Demenz verstehen – Interview mit Anja Kälin
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»Wut ist wertvoll, weil sie uns zeigt, wo es schwierig wird«

Ein verärgerter Mann sitzt am Tisch.

Wut ist oft Ausdruck von Überforderung – nicht von Bosheit. Shutterstock

Es gibt Gefühle, über die sprechen die meisten Menschen nicht gerne. Dazu zählt die Wut. Im Interview erklärt Anja Kälin, warum Wut im Alltag mit Demenz auftreten kann, welche Rolle sie spielt und wie wir besser damit umgehen können.

Liebe Anja, welche Rolle spielt die Wut im Pflege-Alltag. Wie nimmst du das aus der Arbeit mit Angehörigen wahr?

Ich habe den Eindruck, dass eigentlich jeder pflegende Angehörige Situationen kennt, in denen Wut auftaucht. Aber es ist ein verdrucktes und schwieriges Thema. Es kostet Mut darüber zu reden. Wenn wir beispielsweise zwei Stunden in der Angehörigengruppe über alles Mögliche sprechen, kommt dann ganz am Ende des Treffens noch ein Kommentar wie: »Manchmal macht es mich einfach wütend.« Dann stimmen alle ein, so als dürften sie jetzt endlich etwas loswerden, was alle sehr belastet,

Das klingt, als ob viel Scham mit der Wut einhergeht.

Genauso ist es. Es ist wichtig, dass wir der Wut mehr Raum geben und darüber nachdenken: Wo kommt sie denn her, die Wut? Was will sie sagen? Und wie will ich mit ihr umgehen?

Zur Person

Anja Kälin ist Familiencoach und Mitgründerin von Desideria. Sie kennt das Thema Demenz auch aus der eigenen Familie und hat ihre Mutter lange gepflegt. Bei Desideria leitet sie verschiedene Angehörigengruppen und hat eine Gruppe für junge Pflegende ins Leben gerufen, die Demenz Buddies. Ihr Buch „Denk auch an dich“ ist im PAL-Verlag erschienen.

Auch die Person mit Demenz kann wütend werden. Was führt zu aggressiven Verhalten?

Nehmen wir mal den Anfang, die leichte Demenz. Wenn ich mir vorstelle wie es wohl ist, wenn Alltagskompetenzen immer mehr verschwinden oder ich mit Dingen, die ich immer gut konnte, nicht mehr klarkomme, dann fühlt sich das wie Scheitern an und kann Frust auslösen. Wenn ich immer wieder in Momenten im Alltag frustriert werde, weil Dinge nicht mehr klappen, dann werde ich irgendwann wütend. Ich muss mich also nur in die Schuhe des Menschen mit Demenz stellen, um zu verstehen, was da passiert.

Taucht Wut dann vor allem zu Beginn in der ersten Phase der Demenz auf?

Nein. Wut ist ein Gefühl und kann in jeder Phase der Erkrankung als Reaktion auftreten. Es ist eher die Frage, welches Grundbedürfnis beim Menschen mit Demenz gerade nicht befriedigt ist, dass er das Gefühl so deutlich zeigen muss. In der fortgeschrittenen Demenz geht es meist um Orientierung und Schutz. Eventuell kann der Mensch mit Demenz seinen Wunsch nach mehr Orientierung, Schutz und Sicherheit nicht mehr benennen.

In diesem Erleben steckt dann oft schon die Ursache für den Ärger. Es ist natürlich auch von der Demenzform und vom Verlauf der Erkrankung abhängig und von der Persönlichkeit. Wenn ich ein Mensch bin, der immer schon ärgerlich reagiert hat, kann es sein, dass ich dieses Verhaltensmuster in der Demenz weiterhin zeige. Unabhängig davon spielen die Reaktionen des Umfelds eine wichtige Rolle.

Portrait von Anja Kälin

Inwieweit spielen die Reaktionen und Aussagen der Angehörigen hinein?

Es kann passieren, dass man da in eine ungute Dynamik gerät. Wenn zum Beispiel dein Papa wutschnaubend fragt, wo sein Schlüssel ist und sich beschwert, dann ist es wenig hilfreich, wenn man darauf genervt reagiert oder selber Vorwürfe macht. Das verstärkt die Wutspirale eher noch. Besser wäre es dann, dem Vater zu helfen, aus der Wut herauszukommen.

Welche Strategien helfen dann?

Zunächst mal das Verständnis für die Situation. Zu sagen: »Ja, ich kann das verstehen. Das würde mich auch wütend machen, wenn ich meinen Schlüssel nicht finden kann.« Auch ablenken ist eine hilfreiche Strategie. Man könnte sagen: »Ich habe auch einen Schlüssel. Wir suchen deinen später noch einmal. Komm, wir gehen jetzt erstmal in den Garten.«

Ich weiss aus eigener Erfahrung, dass das nicht so leicht ist. Oft schwappt die Wut eher über und dann ist das wie eine Spirale, in die man gerät. Was kann man dann tun?

Dann funktioniert die Co-Regulation gut. Es geht darum, sich erstmal selbst zu regulieren und ruhig zu werden. Da hilft zum Beispiel atmen. Das ist ein sehr guter Separator. Viktor Frankl hat mal gesagt: »Zwischen Reiz und Reaktion liegt ein Raum. In diesem Raum liegt die Möglichkeit zur Wahl unserer Reaktion.« Bevor ich also reagiere und ärgerlich werde, kann ich dieses innere Stoppschild nutzen und ein- oder zweimal tief durchatmen. Durch die eigene innere Ruhe vermittelt man der anderen Person Sicherheit. Menschen mit Demenz brauchen diese Co-Regulation, weil sie die Fähigkeit zur Selbstregulation durch die Krankheit verlieren.

Das klingt so einfach. Wie hast du das denn als Angehörige mit deiner Mutter erlebt?

Ich muss da immer wieder zurückdenken, auch wenn ich mit Klienten spreche und denen solche Strategien vorstelle. Ich weiss, dass es nicht so einfach ist, das umzusetzen. Wobei ich sagen muss, das mit dem Atmen bei mir tatsächlich immer gut funktioniert hat. Das kann man sich wirklich angewöhnen. Man gewinnt eine Sekunde oder zwei – und ist dann schon oft in einer ganz anderen neuen Situation. Ich erinnere mich an den letzten Umzug meiner Mutter. Alle Kisten waren gepackt, alles vorbereitet. Und dann komme ich am Morgen des Umzugs in ihre Wohnung und sehe, dass meine Mutter die ganzen Kisten in der Nacht ausgeräumt hat.

Das war alles sowieso schon aufregend und ich wusste, dass gleich die Umzugshelfer kommen. Dann bin ich in Rage geraten und habe angefangen, auf meine Mutter einzureden und ihr Vorwürfe zu machen. Als ich gemerkt habe, dass das natürlich alles nichts bringt, bin ich auf die Terrasse gegangen. Es war noch morgens, also frische Luft. Ich habe mich draußen hingestellt und ein paar Mal tief durchgeatmet. Nach fünf Minuten konnte ich wieder reingehen und wir haben alles wieder eingepackt und den Umzug über die Bühne gebracht.

Ein Thema, über das wirklich fast gar nicht gesprochen wird: Was tun, wenn es in wütenden Situationen handgreiflich wird?

Hier ist es ganz wichtig, ein klares Stoppschild zu setzen, und zwar sowohl für sich selbst als auch für den anderen. Wenn ich merke, dass es zu einer Körperlichkeit oder Handgreiflichkeit kommen könnte, sage ich am besten »Stopp!« Und das wirklich laut und deutlich. Als unterstützende Geste kann ich eine Hand wie ein Stoppschild vor mir anheben und eine klare Grenze markieren. Wenn sich die Situation nicht entschärfen lässt, unbedingt Hilfe holen. Zum Beispiel bei den Nachbarn klingeln oder die Polizei anrufen.

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Manche Demenzformen gehen mit Wahn oder Halluzinationen einher. Da hilft es wenig, Stopp zu sagen. Was rätst du Angehörigen in so einer Situation?

Ich halte es für wichtig, das schnell mit einem Arzt oder einer Ärztin zu besprechen. Das also auch anzusprechen, wenn solche Symptome auftreten. Ich habe aber auch schon mit Angehörigen gesprochen, die für sich die für sich Strategien im Umgang mit Halluzinationen gefunden haben.  Was zu helfen scheint, ist sich auf die Schilderungen des Erkrankten einzulassen. Zum Beispiel: Die Mutter sitzt abends im Wohnzimmer, es wird dunkel und durch die Lichtreflexionen im Fenster sieht sie viele Menschen bei sich im Zimmer. Die Klientin hat mir erzählt, dass sie dann gesagt hat: »Du Mama, wenn da jetzt so viele Menschen im Wohnzimmer sind, dann schlage ich vor, gehen wir in die Küche und machen denen allen was zu essen.«

Da muss man erstmal draufkommen. Das braucht Ruhe und Gelassenheit, oder?

Ja und ich darf auch den Humor einladen und eben diese Bereitschaft, sich darauf einzulassen, was die Mutter aus ihrer Welt berichtet. Das kann helfen in solchen Akutsituationen anders zu reagieren und nicht in so eine blöde Beziehungsdynamik mit Wut und Ärger zu rutschen.

Gibt es etwas, das man tun kann, um der Wut vorzubeugen?

Es hilft, genau hinzuschauen und sich vielleicht aufzuschreiben, wann diese wütenden und ärgerlichen Gefühle bei mir oder beim anderen auftauchen. Vielleicht wird da ein Muster offensichtlich und man erkennt einen Auslöser. Das gilt auch für die hilfreichen Strategien. Die eigene Reflektion tut gut, und es kann helfen wenn man für sich selber erkennt, was gut funktioniert und was nicht.

»demenzworld ist die größte und informativste Plattform, die es im Bereich Demenz gibt. Sie gibt Antworten auf alle Fragen zur Demenz. Sie ermöglicht, Wissen zu vertiefen und in Fallbeispielen praktisch zu erfahren.«

Marlis Lamers, Akademische Palliativexpertin

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Und wenn das nicht so gut geklappt hat, was sagt man sich dann?

Dann sollte man nicht zu sehr mit sich in die Kritik gehen. Wir sind alle Lernende und alle Gefühle gehören zum Leben dazu. Wenn man vielleicht ungeduldig geworden ist oder ein hartes Wort gesagt hat, dann ist es hilfreicher, sich zu sagen, dass dieses wütende Gefühl ein Wegweiser dafür war, dass einen etwas in der Situation überfordert hat. Und für sich selber zu schauen, was man fürs nächste Mal lernen kann, um es besser zu machen.

Gibt es dann sogar etwas Gutes in diesem Gefühl?

Ja, Wut ist wertvoll, weil sie uns zeigt, wo es schwierig wird. Sie ist wie so ein Warnschild. Es ist auch nicht das ungesündeste, der Wut bewusst einen Raum zu geben. Sie in der Situation mit dem Menschen mit Demenz rauszulassen ist jedoch nicht ratsam. Aber ich kann die Wut natürlich mitnehmen und an anderer Stelle kanalisieren. Sport oder Bewegung in der Natur kann helfen. Oder ein Tagebucheintrag, um meine Gefühle zu sortieren. Eventuell kann auch ein gutes Gespräch helfen, um meine eigenen Bedürfnisse hinter der Wut zu erkennen.

Wenn du so zurückblickst auf deine Erfahrungen, auch mit deiner Mutter. Was würdest du der jüngeren Anja raten?

Ich würde mir empfehlen, die Gemeinschaft anderer zu nutzen und über diese Themen zu sprechen. Ich war nicht in einer Angehörigengruppe, auch aus Scham. Aber ich sehe jetzt in der Begleitung von Familien, wie gut das tut, wenn man in einem geschützten Raum mit anderen Angehörigen über solche Situation sprechen kann und erlebt, dass man nicht alleine ist, sondern es anderen ähnlich geht. Dieses Verständnis und der Zuspruch von anderen, das stärkt. Meinem jüngeren Ich würde ich raten, sich diese Gelegenheit nicht entgehen zu lassen.


Dieses Interview ist eine Zusammenfassung aus Peggy Elfmanns Podcast »Leben. Lieben. Pflegen«. Hier kannst du die Originalfassung anhören.