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Konfetti im Kopf (12)

Immer mehr im Hier und Jetzt angekommen

Klaus Busch und seine Frau Renate bei einem Spaziergang am Strand mit Michael Hagedorns Tochter Linn an der Ostsee.

Klaus Busch und seine Frau Renate bei einem Spaziergang am Strand mit Michael Hagedorns Tochter Linn an der Ostsee. Foto Michael Hagedorn

Über sieben Jahre lang begleitete Michael Hagedorn Klaus Busch und seine Frau Renate aus Garbsen bei Hannover mit der Kamera. Er erlebte, wie das Paar einen ungewöhnlichen und mutigen Weg wählte, damit die Pflege ihre Liebe nicht irgendwann überfordern und überschatten konnte, und wie der frühere Erzieher Klaus während seiner Demenz noch einmal ganz neu zu den einfachen Dingen des Lebens fand.

Es gibt Bilder, die auf den ersten Blick einfach nur schön sind und die bei genauerem Hinsehen eine ganze Geschichte von Liebe und Mut erzählen. Dieses Foto von Klaus Busch, seiner Frau Renate und meiner eigenen Tochter Linn am Strand der Ostsee gehört für mich zu diesen Bildern.

Klaus und Renate aus Garbsen bei Hannover lernte ich durch eine Empfehlung des Alzheimer-Therapie-Zentrums in Bad Aibling kennen, wo die beiden einige Wochen zuvor gemeinsame Zeit mit anderen Menschen mit Demenz und ihren Partnern verbracht und neue Kraft getankt hatten. Schon bei unserer ersten Begegnung in einem von Klaus’ Lieblingscafés in Hamburg war klar, dass viele weitere folgen würden und ich begleitete die beiden über mehr als sieben Jahre.

Über Michael Hagedorn und »Konfetti im Kopf«

Michael Hagedorn begleitet seit vielen Jahren Menschen mit Demenz und dokumentiert ihre Lebenswelt in Bildern und Geschichten. In seinem Blog »Konfetti im Kopf« zeigt er, wie Nähe, Humor und echtes Hinsehen Verbindung schaffen. Sein Ansatz: Menschen würdevoll sichtbar machen – jenseits von Klischees.

Als Klaus’ zunehmende Demenz ein eigenständiges Leben in seiner Hamburger Wohnung nicht mehr möglich machte, beschlossen die beiden, ihre ungewöhnliche Fernbeziehung als Ehepaar aufzugeben. Sie wählten dafür einen bemerkenswerten und mutigen Weg: Klaus zog in Hannover in eine Demenz-Wohngemeinschaft, damit die Pflege eines Tages nicht zu einer Überforderung werden und ihre Liebe überschatten würde.

Renate besuchte ihren Klaus jeden Tag in der WG und kümmerte sich dort rührend auch um die anderen Bewohnerinnen. An den Wochenenden nahm sie ihn mit zu sich nach Hause, solange es ihm mit seinen zunehmenden parkinsonartigen Einschränkungen körperlich noch möglich war. Von der WG aus unternahmen die beiden, allein oder in Gesellschaft anderer, vielfältige Ausflüge, vor allem kultureller Art. Ich durfte dabei sein, wenn sie zu Kabarettabenden oder Rock-Konzerten gingen, und einmal sogar bei einem gemeinsamen Urlaub mit der gesamten WG auf der Ostseeinsel Poel. Ich nahm meine Familie mit und an einem jener Tage entstand das Foto von Klaus, Renate und meiner Tochter Linn am Strand.

Es zeigt auf wundervolle Weise, wie der frühere Erzieher Klaus während seiner Demenz noch tiefer zur Liebe zu Kindern fand. Immer wieder habe ich erlebt, dass in der Demenz Dinge zutage treten, die vorher in einem hektischen Berufsleben unterdrückt waren oder keinen Raum hatten. Menschen, deren Leben früher vom Streben nach Erfolg und später einem wachsendem Leistungsdruck erfüllt war, beginnen plötzlich, die ganz einfachen Dinge zu lieben, sich an Blumen, Tieren und kleinen Kindern zu freuen. Klaus hatte sich über solche Dinge sein ganzes Leben gefreut, doch während seiner Demenz trat dies noch viel deutlicher zutage. Wie mir Renate erzählte, konnte Klaus in diesen letzten Jahren all seine tiefen Sorgen um den Zustand unserer Gesellschaft und die Zukunft der Welt ablegen und immer mehr im Hier und Jetzt ankommen.

Als er aufgrund seiner körperlichen Einschränkungen nicht mehr wirklich aktiv am Leben in der WG teilnehmen konnte, holte Renate ihren Klaus schließlich zu sich nach Hause. Im Zusammenspiel mit Freunden, Nachbarn und einem professionellen Unterstützernetzwerk schaffte sie es, ihm noch mehrere Jahre bis zum friedlichen letzten Atemzug ein ganz wundervolles Leben zu ermöglichen.

> Hier geht’s zur Website von Michael Hagedorn

> Hier geht’s zu Michael Hagedorns online Symposium »Demenz ist anders«

»Demenz stellt die Gesellschaft vor riesige Herausforderungen. demenzworld bringt die Menschen zusammen, tauscht Erfahrungen aus und vermittelt niederschwellig Wissen.«

Michael Schmieder, Ethiker, Pfleger, Autor und Demenz-Pionier

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