Muss ich mich opfern, um ein guter Mensch zu sein?
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Katrin Seyferts Briefkasten (2)

Muss ich mich opfern, um ein guter Mensch zu sein?

Demenz verkehrte Welt

Müssen wir uns, wenn nicht schon am Kreuz, so doch aber sichtbar und leidend, für andere hingeben, um das Leben verstanden zu haben? Foto Véronique Hoegger

Wie viel Aufopferung braucht Pflege – und wann wird sie zur Selbstaufgabe? Katrin Seyfert fragt, warum besonders Frauen glauben, alles tragen zu müssen, und warum es einen Gegenpart braucht, der sagt: Jetzt ist genug!

Diese Frage ist wie kaum eine geschlechterrelevant. Männer sagen mit einer gewissen pragmatischen Grundüberzeugung: »Nö, wieso, ich bin ja auch noch da.« Frauen empfinden den Druck, den die Gesellschaft ihnen macht, also auch den, den sie sich machen, unbedingt bis zur Selbstaufgabe zu dienen und sich aufzuopfern, manchmal noch größer als die Arbeit, die dadurch von ihnen gefordert wird.

Zu Katrin Seyferts Briefkasten

Was tun, wenn die Pflege zu viel wird? Darf ich genervt sein? Und darf ich auch an mich denken? In diesem Blog beantwortet die Bestsellerautorin Katrin Seyfert Fragen aus der Community – offen, persönlich und ohne vorschnelle Antworten. Vor allem für Menschen, die Angehörige betreuen und pflegen. Hier kannst du Katrins Buch »Lückenleben« bestellen. > Zur Bestellung

»Ich würde nicht wollen, dass du mich meinen Kindern so präsentierst«, sagte mir ein guter Freund damals, als mein Mann, schwer alzheimerkrank, von Zeit zu Zeit verloren ging und wir ihn suchen mussten. Die Nachbarschaft, der Hund, der Briefträger, der Fisch und die Gräte. »Hä? Wieso das? Soll ich ihn entsorgen? Abschieben? Trennen wir Müll?«

Meine Rückfrage war genauso verständnislos wie wütend, auf den Freund, den Mann, das Geschlecht. Er aber antwortete – klug: »Woher weißt du denn, dass dein Mann in der Familie bleiben will? Woher weißt du, dass er sich wünscht, ihr arbeitet euch alle für ihn auf, sodass es noch Jahre, womöglich Jahrzehnte dauert, bis ihr euch von dieser Care-Arbeit erholt habt? Woher weißt du, dass er so in eurer Schuld stehen möchte und sich selbst nicht viel früher aus dem Verkehr gezogen hätte – könnte er.«

Die Antwort gab mir zu denken. Warum meinen wir, dass Aufopferung das stärkste moralische Geschenk ist, das wir jemandem geben? Sind das die christlichen Traditionen, in denen wir immer noch verharren? Müssen wir uns, wenn nicht schon am Kreuz, so doch aber sichtbar und leidend, für andere hingeben, um das Leben verstanden zu haben? Oder ist es ein Teil der postmodernen Egomanen-Welt, wenn wir heute nach dem Prinzip der Postbank-Werbung leben: »Unterm Strich zähl’ ich«? Und ist diese Welt besser?

Vielleicht ist es wie beim Zeugen eines Kindes: Es braucht beide Geschlechter. Es braucht den Samen des Mannes und das Ei der Frau. Vielleicht ist es bei der Pflege ähnlich: Es braucht den Pragmatismus des einen und die Hingabe des anderen. Und jetzt sage ich ausdrücklich nicht, wer von beiden welches Geschlecht hat – denn muss es immer die Frau sein, die dient?

Kann nicht auch der Mann sich hingebungsvoll um seine kranke Mutter kümmern und die Frau hält ihm mit einem ablenkenden Kinoabend den Rücken frei? Muss es immer noch das Klischee der holden, sorgenden Maria sein und das der in den Krieg ziehenden Kämpfer? Vielleicht ist ja viel wichtiger, sich den Gegenpart zu suchen, wenn man pflegt: das komplementäre Gegenstück, das sagt: Jetzt ist es genug, oder: Los, komm, das schaffst du auch noch. Im Endspiel hat man keinen Schnupfen. Und so ein Gegenstück können auch Freunde oder Nachbarn sein, ein Coach oder, von mir aus, Geschwister, Eltern, Verwandte, Hamster.

»Es braucht Orte wie die Demenz Meets, wo man sich austauschen kann. Hier ist man willkommen – man kann Freud und Leid miteinander teilen.«

Lilly Ebneter, Junge Angehörige und Yogalehrerin

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Platon hat den Menschen als Halbkugel gesehen, der zeitlebens umherirrt, um seine zweite Hälfte zu suchen. Vielleicht war Platon auch pflegender Angehöriger, der gesehen hat: Ich brauche eine zweite Hälfte, die mich erst zu dem Kugelmenschen macht, der das Attribut Vollständigkeit verdient.

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