Wie hat deine Mutter auf diese Defizite reagiert?
Lena: Wir konnten immer offen darüber reden. Das liegt wohl auch daran, dass sie selbst Krankenschwester war und ihr gesamtes Berufsleben im Gesundheitssystem gearbeitet hat. Auch ihre Kolleginnen merkten, dass etwas nicht stimmte, und rieten ihr zu einer Abklärung. Das war unser Glück und machte es ein bisschen einfacher.
Ihr hattet sicher viele Pläne für die Zukunft, die sich jetzt relativieren. Wie gehst du mit dieser schwierigen Situation um, Philipp?
Philipp: Letztlich habe ich es so hingenommen, wie es ist. Früher oder später werde ich mir noch tiefere Gedanken darüber machen. Was ist mit dem Kleinen? Er wird jetzt fünf. Da ist Alzheimer noch in weiter Ferne. Wir werden im Auge behalten, wie sich die Medizin entwickelt. Natürlich hoffen wir, dass es bald ein Medikament geben wird, das die Krankheit aufhalten kann.
Lena, du hast hoffentlich noch keine Symptome von Alzheimer…
Lena: Nein, ich habe noch keine Symptome. Aber ich stehe im engen Kontakt mit dem Deutschen Zentrum für Neurodegenerative Erkrankungen. Dort soll dieses Jahr eine Medikamentenstudie starten, an der ich teilnehmen möchte. Ziel ist es, den Ausbruch der Krankheit zu verhindern oder zumindest hinauszuzögern. Das ist für mich sehr wichtig, weil ich nicht nur abwarten will, sondern aktiv etwas tun kann.
Hast du seit dem Gentest deinen Lebensstil verändert?
Lena: Meine Mama hat nie Alkohol getrunken, nie geraucht und sich durch ihren Beruf als Krankenschwester ständig bewegt. Sie hat eigentlich alles richtig gemacht. Das zeigt mir, dass Lebensstil allein nicht schützt. Trotzdem achte ich heute bewusster auf mich. Ich versuche, mich gesund zu ernähren, Alkohol und alles, was das Risiko erhöhen könnte, stark zu reduzieren. Ein ungesunder Lebensstil kann den Ausbruch begünstigen – vielleicht sogar früher auslösen. Das will ich vermeiden.
»Heute ist mir noch klarer: Mein Leben findet jetzt statt.«
Verändert die Diagnose den Blick auf das Leben und die Welt?
Lena: Definitiv. Wir leben bewusster. Viele belanglose Dinge, die wir früher einfach gemacht haben, wirken im Rückblick wie verlorene Zeit. Ich habe aber das Gefühl, dass ich Glück habe, weil ich schon immer versucht habe, Dinge zu tun, die mir wirklich Freude machen. Heute ist mir noch klarer: Mein Leben findet jetzt statt. Ich lebe nicht auf eine ferne Zukunft hin. Wahrscheinlich werde ich das klassische Rentenalter nicht erreichen. Also versuche ich, meine Zeit heute so zu gestalten, dass sie für meine Familie und mich gut ist.
Was heisst das konkret im Alltag?
Lena: Ich rege mich weniger über Kleinigkeiten auf. Ich gehe entspannter durchs Leben. Und ich nehme mir mehr Raum für mich selbst. Wenn man Mutter wird, stellt man sich oft hinten an – das ist normal. Aber ich sage jetzt auch bewusst: Heute gehe ich zum Sport. Oder: Wir nehmen uns Zeit füreinander.
Philipp, wie erlebst du diese veränderte Haltung?
Philipp: Wir leben jetzt gemeinsam bewusster und aktiver. Statt einfach auf der Couch zu sitzen, gehen wir spazieren, sind draussen, bewegen uns. Wir leben mehr in der Gegenwart. Früher war Zukunft etwas Selbstverständliches. Jetzt ist sie fragiler. Gleichzeitig entsteht daraus eine Klarheit: Wir schieben das Leben nicht mehr auf später. Ich habe auch Hoffnung, dass es für Lena in ein paar Jahren Medikamente geben wird, die den Krankheitsverlauf ausbremsen. Vielleicht erleben wir dann einen anderen Verlauf, als man heute erwartet.