Ihre Eltern kommen 1958 in die Schweiz. Die Mutter arbeitet als Schneiderin, der Vater ist Gipser. Nach der Pension kehren sie wieder in die Lombardei zurück: in ihr Heimatdorf, Höhe Gardasee. Die beiden Töchter Denise und Tania leben in der Schweiz.
Als der Vater an Lungenkrebs erkrankt, fahren Denise und Tania jede Woche nach Italien. Um ihn und die Mutter zu unterstützen.
«Wir haben schon gemerkt, dass unsere Mutter ein wenig vergesslich ist. Aber wir dachten, das liegt am Alter», erzählt Denise. «Unser Vater ist irgendwann selbst einkaufen gegangen, weil er Angst hatte, dass sie nicht zahlt. In einem Dorf kann das schnell unangenehm sein.»
Ausserdem habe der Vater angefangen zu kochen. Die Mutter, früher eine ausgezeichnete Köchin, habe immer wieder Zutaten verwechselt. «Doch erst als unser Vater gestorben war, haben wir eingesehen, dass irgendetwas wirklich komisch ist.»
Ab jetzt besuchen die Schwestern ihre Mutter wöchentlich. 900 Kilometer hin und zurück, bis zu zehn Kilometer Stau vor dem Gotthardtunnel.
Trotz der Strapazen fehlen Denise und Tania in zehn Jahren kein einziges Mal in der Arbeit.
Sie merken, wie viel die Mutter vergisst. Dass sie nicht mehr kochen kann, ihre Schlüssel verlegt. Dreimal pro Tag rufen sie an. Zur Sicherheit. Manchmal hängt die Mutter das Telefon nicht richtig auf. Dann kontaktieren Denise und Tania ihre Tante, die nebenan wohnt.
«Wir waren total gestresst, weil wir keine Lösung hatten. Und Mama war dann auch gestresst.» Denise seufzt. «Aber sie in die Schweiz zurückholen ging auch nicht. Das wäre Familiennachzug, der nicht mehr erwerbstätig ist. Da bürgst du mit 30’000 Franken, es ist ein kompliziertes Verfahren und es gibt keine Gewähr, dass derjenige in der Schweiz bleiben kann. Wir haben das probiert, dann aber aufgegeben, weil niemand hat uns wirklich geholfen hat.»
Dann die Diagnose: Alzheimer Demenz. Und die eine Frage: «Was jetzt?»
«In Italien ist das System Care Migration sehr etabliert», erklärt Denise. «Da zieht die Pflegeperson zum Betroffenen. Aber wo findest du so jemanden, wenn du nicht im Land bist?»
Glücklicherweise hilft diesmal der Zufall: Ein Bekannter der Tante war von einer privaten Pflegerin aus der Ukraine betreut worden.
«Tamara hatte anfangs wenig Erfahrung mit Alzheimer. Aber sie hat sich informiert, macht vieles intuitiv und ist einfach genial!», sagt Denise. «Zu Beginn war das alles echte Vertrauenssache. Für sie, weil sie in eine neue Familie kam. Für uns, weil wir so weit weg lebten.»
Tamara wohnt jetzt mit der Mutter zusammen, pflegt und umsorgt sie. Der Umgang ist liebevoll und harmonisch. Das muss auch so sein, denn die Mutter ist zu hundert Prozent auf Hilfe angewiesen. Sie spricht kaum noch, kann nur noch gestützt gehen, isst nicht mehr selbständig.
Wie wertvoll Tamaras Unterstützung ist, zeigt sich sehr deutlich mit dem Ausbruch der Corona-Pandemie.
«Wir waren in der Lombardei, als das Virus dort ausgebrochen ist. Bei der Heimfahrt zurück in die Schweiz haben meine Schwester und ich im Auto noch überlegt, ob wir unsere Mutter und Tamara hätten mitnehmen sollen. Aber wir haben eher rumgeblödelt. Niemand wusste, wie schlimm es werden würde.»
Zurück in der Schweiz erfahren die beiden, dass sie nicht mehr nach Italien reisen können. Die Grenzen sind zu. Lockdown.
Es geistern Berichte durch die Medien. Von katastrophalen Zuständen in Spitälern und Altenheimen. Von Pflegenden, die fluchtartig in ihre Heimatländer zurückkehren. Tamara bleibt.
«Für sie war das nie ein Thema, dass sie heimgeht. Sie hat immer gesagt: Bleibt in der Schweiz, wir haben alles im Griff. Das war für uns eine gewaltige Entlastung! Denn die Angst, das Virus einzuschleppen, reist mit.
Natürlich ist das schlechte Gewissen trotzdem da. Man will ja unterstützen, für die Mutter und auch Tamara da sein. Immerhin hat die Ukrainerin einen Ausgleich: Sie hat viele Freunde im Dorf und den Garten, den sie liebt.
Drei Monate lang dürfen Denise und Tania nicht nach Italien einreisen. Als die Grenzen dann wieder offen sind, beginnt die Zeit des täglichen, mitunter stündlichen Nachrichtenlesens: Darf man ein- und wieder ausreisen?
Welche Quarantäneregelungen gelten? Welche Dokumente und Tests sind nötig? «Du musst dich ständig informieren. Denn die Bussen sind heftig: ab 400 Euro aufwärts».
Zwei Erleichterungen gibt es immerhin: Italien lässt die Grenze für familiäre Notfälle offen und die Schweiz streicht Grenzregionen von der Quarantäneliste.
Denise nimmt die Beistandsurkunde mit, ihre Schwester ein offizielles Papier, auf dem die Hilfsbedürftigkeit der Mutter dargelegt wird. Alles, um zu beweisen, dass sie pflegende Angehörige sind und ihre Einreise eine Notwendigkeit.
«An der Grenze wirst du entweder als Grenzgänger oder Tourist wahrgenommen», ärgert sich Denise.
«Aber wir sind keine Touristen! Wir gehen nicht ins Restaurant oder shoppen. Wenn man einkaufen geht, dann weil die betreute Person etwas braucht.»
Sie wünscht sich eine Ausnahmeregelung für pflegende Angehörige, die durch Migration von ihren Familienmitgliedern getrennt sind. Erleichterte Einreise- und Quarantänebedingungen.