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Altersbetreuung

Wenn Migrantinnen die Care-Lücke füllen

Die Care-Migrantinnen sind ein wichtiger Bestandteil der häuslichen Langzeitversorgung in der Schweiz. ZHAW

Tausende Betreuerinnen aus Osteuropa machen es möglich, dass hilfsbedürftige ältere Menschen zu Hause wohnen können. Während die Politik um die Arbeitsbedingungen ringt, engagieren sich Forschende dafür, dass Familien und Care-Migrantinnen fachkundig begleitet werden.

Immer mehr hochaltrige Menschen in der Schweiz möchten trotz alters- und gesundheitsbedingter Einschränkungen zu Hause wohnen bleiben. Oft unterstützen Angehörige und die Spitex sie dabei. Wächst der Bedarf nach Hilfe, reicht das jedoch nicht mehr aus. (Spitex in der Schweiz = Hilfe, Pflege und Beratung außerhalb des Spitals oder Heims, bei älteren, kranken oder beeinträchtigten Menschen zu Hause)

»Wenn der Umzug in eine Langzeitpflegeeinrichtung nicht gewünscht ist, stehen vor allem die Angehörigen vor der Frage, wie es weitergehen soll«, erklärt Franzisca Domeisen Benedetti, wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Pflege der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften ZHAW.

Denn meistens benötigen ältere Menschen zusätzliche Hilfe bei der Alltagsbewältigung, etwa beim Anziehen, Kochen, Einkaufen, Spazierengehen und beim Sorgen für Sicherheit. Im Schweizer Versorgungssystem gelten diese Tätigkeiten als Betreuung und werden von der professionellen, öffentlich mitfinanzierten Pflege unterschieden.

Hier kommen Care-Migrantinnen ins Spiel, die bei älteren Menschen zuhause wohnen und arbeiten. Diese Form der Sorgearbeit wird als «live-in-Betreuung» bezeichnet. Sie nimmt seit der Erweiterung der Personenfreizügigkeit mit der EU im Jahr 2011 in der Schweiz stetig zu. Fast ausschließlich Frauen leisten sie.

Studiengeld für die Kinder

Die meisten Care-Migrantinnen stammen aus Mittel- und Osteuropa, etwa aus Ostdeutschland, Polen, Rumänien, Ungarn und der Slowakei. Viele kommen für einige Wochen oder Monate in die Schweiz, um ältere Menschen in deren Zuhause zu betreuen, bevor sie wieder in ihr Herkunftsland zurückkehren und dann erneut anreisen, um die Arbeit fortzusetzen. Wegen dieses Rhythmus wird die Live-in-Betreuung auch Pendelmigration genannt. In vielen Haushalten wechseln sich zwei Betreuerinnen so ab.

Es gibt schätzungsweise mindestens 10 000 Care-Migrantinnen in der Schweiz, genaue Zahlen fehlen jedoch. Die meisten Frauen sind über 45 Jahre alt und gut qualifiziert, aber selten aus dem Pflegebereich, weiß Laura Andreoli, Geschäftsführerin von »CareInfo«, einer Online-Plattform zum Thema. Die Plattform wird von der Fachstelle für Gleichstellung der Stadt Zürich und weiteren kommunalen und kantonalen Stellen getragen.

Die Frauen aus wirtschaftlich ärmeren Ländern entscheiden sich wegen des höheren Lohnniveaus in der Schweiz zu arbeiten, sagt Andreoli. »Oder weil sie in ihrem Land keine passende Stelle finden.«

Das zusätzliche Einkommen verwenden sie oft, um die finanzielle Situation ihrer Familie zu verbessern oder die Ausbildung der Kinder zu bezahlen. Für Schweizer Familien mit den nötigen Mitteln wiederum ist die häusliche Altersbetreuung durch eine Care-Migrantin im Vergleich zu einer einheimischen Rundumbetreuung eine erschwingliche Option.

Ist Live-in-Betreuung durch Care-Migrantinnen also eine geeignete Lösung? Es kommt auf die Umsetzung an.

Und da eröffnen sich laut bisherigen Studien und Berichten Spannungsfelder. Zum Beispiel bei den Arbeitsbedingungen. Diese gelte es zu regeln, damit Care-Migrantinnen nicht rund um die Uhr im Einsatz seien, forderten Vorstösse im nationalen Parlament.

2021 entschied das Bundesgericht: Betreuerinnen, die bei Verleihagenturen angestellt sind, unterstehen dem Arbeitsgesetz. Es geht um das Einhalten von Arbeits- und Ruhezeiten, um Pikettdienste. Doch die Abgrenzung ist wegen der räumlichen Nähe schwierig.

Das Zusammenleben aushandeln

»Noch ist nicht bekannt, wie sich der Entscheid des Bundesgerichts auf die Arbeitsbedingungen ausgewirkt hat«, sagt Laura Andreoli. Und wenn Privatpersonen Care-Migrantinnen direkt anstellen, gilt das Arbeitsgesetz nach wie vor nicht. Die Regulierung obliegt hier den Kantonen, nicht alle haben die vom Bund empfohlenen Standards übernommen. Der Arbeitsplatz Privathaushalt sei zudem schwer zu kontrollieren.

Auch aus pflegerischer Sicht stellt sich die Frage, unter welchen Bedingungen Live-in-Betreuung gelingt. Eine wichtige Voraussetzung ist die Bereitschaft sowohl der betreuten Person als auch der Angehörigen, das Modell auszuprobieren. Das ergab 2016 eine Studie der Universität Zürich und der ZHAW um Pflegewissenschaftlerin Heidi Petry.

Weiter sollten das Zusammenleben mit der Care-Migrantin, deren Aufgaben und ein Tagesplan gemeinsam vereinbart werden, je nach Bedürfnissen des älteren Menschen und Kompetenzen der Betreuerin. «Das Verhältnis hängt stark von den beteiligten Personen ab», sagt dazu Franzisca Domeisen von der ZHAW.

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Passen die Personen zueinander, fühlen sich die älteren Menschen gemäss der Studie gut aufgehoben und die Angehörigen entlastet. Und es entstehen bereichernde interkulturelle Beziehungen. Dies funktioniere jedoch nur, wenn die Beteiligten nicht allein gelassen werden, unterstreicht Franzisca Domeisen: »Besonders anspruchsvoll ist die Betreuung von Menschen mit Demenz.«

Um ein stabiles Arrangement aufzubauen, benötigten die Familien Beratung und die Betreuer:innen fachkundige Begleitung, so Domeisen: «Ihre Arbeit sollte in ein Netzwerk mit Spitex, Hausarztpraxen und anderen Diensten eingebunden sein.»

Nach Einschätzung der Forscherin ist dies bisher erst ansatzweise der Fall. Die Live-in-Betreuung bilde noch in vielen Fällen »ein Paralleluniversum«, was sie »hochvulnerabel und hochprekär« mache. Domeisen forscht derzeit daran, wie die Betreuung durch Care-Migrantinnen in eine gemeindenahe, integrierte Versorgung einbezogen werden kann.

Der Begriff bedeutet, dass verschiedene Leistungserbringer vor Ort möglichst koordiniert zusammenwirken. Würde die Live-in-Betreuung verstärkt berücksichtigt, könnte dies zur Qualitätssicherung beitragen, so die Experin. Die Betreuung durch Care-Migrantinnen liesse sich aus der Grauzone herausholen, in der sie sich teilweise noch befindet.

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Faire Bedingungen schaffen

Die Zahl der älteren Menschen wächst, der Betreuungsmarkt boomt. Doch Hannes Ruh, Inhaber und Geschäftsführer der Betreuungsagentur Sentivo aus Winterthur, sagt: »Wir verzichten auf Kundschaft, bei der wir merken, dass die Betreuerin ausgenutzt wird.« Sentivo bietet seit zehn Jahren neben stundenweisen Einsätzen auch Live-in-Betreuung durch Care-Migrantinnen an.

Die Frauen werden sorgfältig ausgewählt, erklärt Ruh: »Bevor wir sie anstellen, lernen wir sie kennen.« Die Fähigkeiten der Bewerberinnen werden getestet, indem sie etwa in der Betriebsküche eine Mahlzeit organisieren und zubereiten. Auch auf Deutschkenntnisse wird geachtet. Hat die Betreuerin keinen Pflegehilfe-Kurs absolviert, muss sie diesen in der Schweiz nachholen, bezahlt aus dem Weiterbildungsfonds des Personalverleih-Gesamtarbeitsvertrags.

Das Erwartungsmanagement sei ebenfalls wichtig, sagt Ruh. Die Kundschaft werde darüber informiert, »dass sie keine 24-Stunden-Betreuung erwarten kann, sondern die Betreuerin Freizeit und bezahlte Bereitschaftsstunden hat.« Bei Bedarf werde zusätzlich stundenweise Unterstützung organisiert oder eine zweite Betreuerin für die Nacht eingesetzt.

Care-Migrantinnen arbeiten bei Sentivo im Zwei-Wochen-Rhythmus. Die Agentur bleibt im Gespräch mit ihnen: »Wenn Probleme auftauchen, gehen wir vorbei.« Die Zusammenarbeit mit der öffentlichen Spitex wird aktiv gesucht – laut Geschäftsführer Ruh ein Erfolgsmodell.

Die Betreuerinnen führen ein Journal, das von der Spitex und den Angehörigen eingesehen werden kann. Es gab auch schon runde Tische mit Spitex-Mitarbeitenden. Die enge Begleitung der Migrantinnen ist jedoch laut Ruh ein beträchtlicher Kostenfaktor, der sich auf den Preis auswirkt.

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Die Caritas Schweiz unterstützt die Live-in-Betreuung durch Care-Migrantinnen, aber nur zu fairen Bedingungen. Dazu gehört, den Herkunftsländern nicht dauerhaft Fachkräfte zu entziehen. Deshalb hat sie beim Aufbau ihres eigenen Angebots mit Caritas-Partnerorganisationen in Rumänien und der Slowakei zusammengearbeitet.

In den letzten zwölf Jahren hat die Caritas rund 1000 Care-Migrantinnen an ältere Menschen in der Schweiz vermittelt. Die Organisation beendet das Angebot diesen Sommer, hauptsächlich aus Kostengründen. Es wäre ein kaum tragbarer Preisanstieg erforderlich gewesen, sagt Michel.

»Wir haben ihnen den Aufwand für eine Vorbereitung der Betreuungspersonen vergütet«, erklärt Gudrun Michel, Fachgebietsleiterin Caritas Care, »und es sind Mittel für Ausbildung und Entwicklung zurückgeflossen.» Die Partnerschaften aufzubauen, sei jedoch anspruchsvoll.

Nur für Wohlhabende?

Für sie zeigt sich darin ein grundlegendes Problem der Schweizer Alterspolitik. Weil Betreuung Privatsache ist, können sich nur Vermögende kontinuierliche Unterstützung zuhause leisten. Doch: »Gute Betreuung im Alter muss für alle bezahlbar sein«, fordert die Caritas-Vertreterin.

Franzisca Domeisen Benedetti von der ZHAW ist überzeugt: »Es ist an der Politik und der Gesellschaft, eine Diskussion darüber zu führen, wer heute die Altersbetreuung leistet, was sie uns wert ist und wie sie finanziert wird.«

Die Care-Migrantinnen füllen eine Lücke bei der häuslichen Langzeitversorgung in der Schweiz. Auch ethische Fragen dürften nicht Einzelnen aufgebürdet werden: »Familien sollen sich unkompliziert über Live-in-Betreuung informieren können und sicher sein, dass alles korrekt abläuft.« (Susanne Wenger)

Übersetzungs-apps können hilfreich sein

Bei Sprachproblemen ausländischer Pflege-und Betreuungspersonen können Übersetzungs-Apps für mobile Kommunikationsgeräte eine Hilfe im Alltag sein und den Berufseinstieg in der Schweiz unterstützen. Zu diesem Schluss kommt eine interdisziplinäre Vorstudie der ZHAW, an der Pflegewissenschaftlerin Iris Kramer beteiligt war.

Die Forschenden befragten sechs Mitarbeitende der Spitex, aus Alterszentren und der Live-in-Betreuung sowie zwei Seniorinnen. Zudem filmten sie Rollenspiele, während denen eine Übersetzungs-App genutzt wurde. Thema waren dabei zum Beispiel Schmerzen und Abmachungen zu Haushaltsarbeiten. »In manchen Situationen konnte die verwendete App ‹SayHi› die mehrsprachige Kommunikation ermöglichen oder erleichtern«, sagt Iris Kramer.

Die Pflegenden vertrauten der App, die Seniorinnen sahen sie eher als Retter in letzter Not. Wichtig sei, dass die Nutzenden über den Gebrauch einer App instruiert sind. Für Menschen mit starken Seh- und Hörstörungen oder anderen kognitiven Einschränkungen sind solche Apps weniger geeignet.


Dieser Beitrag erschien in Vitamin G, dem Blog der ZHAW Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften. Vielen Dank an die Redaktion für die Gelegenheit der Zweitverwertung.