alzheimer.ch: Sie haben am Institut für Sozialmedizin, Arbeitsmedizin und Public Health der Uni Leipzig mehrere aktuelle Studien aus verschiedenen Industrieländern ausgewertet und dabei nachgewiesen, dass die Zahl der Neuerkrankungen an Demenz in den westlichen Industrieländern gesunken ist. Das heisst: Menschen, die heute 85 sind, erkranken seltener als diejenigen, die eine Generation früher ihr 85. Lebensjahr erreichten. Woran liegt das?
Steffi Riedel-Heller: Es werden verschiedene Gründe diskutiert. Da die frühkindliche Bildung und Förderung und die Bildung insgesamt besser geworden sind, können mehr Menschen eine kognitive Reserve anlegen, die sie dann bei ihrer Arbeit noch ausbauen können.
Die Anforderungen im Arbeitsleben sind höher geworden. Das mag alles dazu beitragen, dass Abbauprozesse möglicherweise erst später durchschlagen.
Susanne Röhr: Ein weiterer Aspekt ist das Management von Herz-Kreislauferkrankungen, wie etwa Bluthochdruck, das deutlich besser geworden ist. Das kann wiederum einen positiven Einfluss auf die Wahrscheinlichkeit haben, an Demenz zu erkranken.

Hoher Blutdruck kann Alzheimer begünstigen?
Röhr: Er kann die Entwicklung zumindest begünstigen. Hier kann man durch eine konsequente Behandlung medizinisch sehr gut eingreifen. Was dem Herzen hilft, ist letztlich auch fürs Gehirn gut. Der Präventionsgedanke steht hier im Vordergrund.
Ist die Prävention von Demenz denn wichtiger als die Behandlung?
Riedel-Heller: Nein. Das sollte man niemals gegeneinander aufwiegen. Aber in der letzten Dekade gab es keine wirklichen Durchbrüche, was z. B. die medikamentöse Therapie angeht. Dies hat den Blick für die Prävention geschärft. So wurden in den vergangenen zehn Jahren viele Studien durchgeführt, die sich mit Risiko- und Schutzfaktoren von Demenzen befasst haben.
Ihre Analyse hat auch ergeben, dass in Japan, anders als in Frankreich, Grossbritannien oder den USA, ein Anstieg bei den Neuerkrankungen von Demenz registriert wurde. Haben Sie dafür eine Erklärung?
Röhr: Früher war die Demenzhäufigkeit in Japan geringer, was vermutlich unter anderem mit gesunder Ernährung – fettarm, wenig Hochkalorisches, viel Fisch – zu tun hatte.
Mittlerweile haben sich auch dort die Ernährungsgewohnheiten verändert, Diabetes und Übergewicht sind zum Problem geworden. Darin könnte ein Grund liegen, warum die Zahl der Neuerkrankungen gestiegen ist.

Der Anteil der übergewichtigen Menschen in allen Industrienationen wächst. Steht also zu befürchten, dass bald wieder die Zahl der Neuerkrankungen ansteigt?
Riedel-Heller: Das ist durchaus möglich. Adipositas im mittleren Lebensalter ist ein klarer Risikofaktor für die Entwicklung einer Demenz. Wenn mehr Menschen übergewichtig und adipös sind, wird das einen negativen Einfluss haben.
Wir befürchten durchaus, dass es in dieser Hinsicht einen Tsunami für die Bevölkerungsgesundheit gibt. Wer einmal 30, 40 oder 50 kg mehr auf die Waage bringt, hat es sehr schwer abzunehmen, deshalb: wehret den Anfängen!
Wie weit schützt körperliche Aktivität vor Demenz?
Studien belegen, dass ältere Menschen, die körperlich aktiv sind, eher ihre kognitive Leistungsfähigkeit aufrechterhalten können als solche, die sich nicht oder kaum bewegen. Leider ist der Grad an körperlicher Aktivität in vielen Industrieländern nicht besonders hoch. In diesem Bereich haben wir noch viel Präventionspotenzial.
Gibt es bestimmte Arbeiten und Tätigkeiten, die besonders vor Demenz schützen?
Riedel-Heller: Wir konnten zum Beispiel zeigen, dass Menschen, die in ihrem Arbeitsumfeld selbstständig ihre Aufgaben planen und koordinieren können, später seltener an einer Demenz erkranken. Das heisst nicht, dass nur Manager profitieren. Auch Menschen, die zum Beispiel einen Fuhrpark disponieren, gehören dazu.