Cristina di Biasio zu Angeboten für junge Menschen mit Demenz
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St. Galler Demenz Kongress

»Ein Flyer allein schafft noch kein Netzwerk«

Workshop PortoFaro

Workshop zum Projekt PortoFaro: Von Anfang an gestalten Menschen mit Demenz, Betroffene und Fachleute die Angebote gemeinsam. Foto Mosa!k

Am 11. November spricht Cristina De Biasio Marinello am St.Galler Demenz Kongress über Netzwerke für jüngere Menschen mit Demenz. Ihre Erfahrung mit mosa!k und PortoFaro zeigen: Entscheidend sind nicht möglichst viele Angebote. Menschen müssen den Weg dorthin finden – und mitbestimmen können, was sie brauchen.

Cristina, der diesjährige St.Galler Demenz-Kongress fragt: »Dementia Care vernetzt gestalten – (Wie) kann es gelingen?« Was ist deine Antwort?

Ein Netzwerk funktioniert dann, wenn die Menschen einander kennen und miteinander handeln. Es reicht nicht, dass eine Memory Clinic, eine Beratungsstelle, eine Tagesstruktur und eine Angehörigengruppe nebeneinander existieren. Sie müssen voneinander wissen und Verbindungen schaffen. Und Menschen mit Demenz und ihre Angehörigen müssen Teil dieses Netzes sein.

Was heißt das konkret?

Nehmen wir einen Menschen, der gerade die Diagnose Demenz erhalten hat. Eine Fachperson kann ihm einen Flyer mitgeben. Aber ein Flyer allein schafft noch keinen Zugang. Vielleicht meldet sich dieser Mensch sofort. Vielleicht erst nach einem halben Jahr oder nach zwei Jahren.

Vielleicht möchte er überhaupt nicht in eine Gesprächsgruppe, würde aber gerne mit anderen wandern. Darum ist es so wichtig, früh eine Verbindung herzustellen und in Kontakt zu bleiben. Ohne Druck.

»Gemeinsam für Menschen mit young onset dementia – mit uns statt über uns!«

Cristina De Biasio Marinello und Linda Premerlani zeigen am Beispiel von Mosa!k und dem Projekt PortoFaro, wie Netzwerke für jüngere Menschen mit Demenz und ihre Familien entstehen können. Im Zentrum stehen Mitgestaltung, Zusammenarbeit auf Augenhöhe und die Frage, wie aus einzelnen Angeboten ein tragfähiges Netz wird.

12. St.Galler Demenz-Kongress, 11. November 2026 Keynote 3, 11.20 Uhr. Das Kongressthema lautet: »Dementia Care vernetzt gestalten – (Wie) kann es gelingen?«

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Gerade jüngere Menschen mit Demenz fallen oft durch die Maschen. Warum?

Weil viele bestehende Angebote nicht zu ihrem Leben passen. Wer mit fünfzig oder sechzig eine Demenzdiagnose erhält, ist vielleicht noch berufstätig, hat Kinder zu Hause und ist körperlich fit. Diese Menschen haben andere Fragen und Bedürfnisse als Hochbetagte.

Dazu kommt, dass es eine kleine Gruppe ist. Deshalb entstanden lange kaum spezialisierte Angebote. Bei Menschen mit frontotemporaler Demenz kommt ein weiteres Problem hinzu: Sie werden wegen ihres Verhaltens schnell als schwierig wahrgenommen. Ich sage manchmal: FTD ist das Stigma im Stigma.

Cristina Di Biasio
Cristina Di Biasio

Ihr habt bei mosa!k früh begonnen, Menschen mit Demenz selbst zu fragen, was sie brauchen. Warum ist das so wichtig?

Weil wir sonst Gefahr laufen, Angebote für Menschen zu entwickeln, die diese gar nicht wollen. Wir haben deshalb von Anfang an Menschen mit Demenz und Angehörige gefragt: Was möchtet ihr? Was fehlt euch?

Dabei kamen ganz konkrete Wünsche: miteinander reden, wandern, kochen, Tiere erleben, Museen besuchen. Wir haben nicht zuerst ein fertiges Programm entwickelt. Wir haben zugehört und danach ausprobiert. Dieses Prinzip gilt bis heute: mit den Menschen statt über sie.

Mitbestimmung klingt gut. Ist sie im Alltag nicht manchmal mühsam?

Natürlich. Wenn man Menschen wirklich beteiligt, weiß man vorher nicht genau, was herauskommt. Man muss mit Unsicherheit umgehen können.

Wir probieren deshalb Dinge aus, ohne zuerst für alles ein großes Konzept zu schreiben. Wir fragen: Habt ihr Lust darauf? Dann machen wir es und holen Rückmeldungen ein. Manches funktioniert, anderes nicht. Das gehört dazu.

Was lernen Fachpersonen daraus?

Dass wir nicht immer schon wissen müssen, was für einen anderen Menschen richtig ist. Fachwissen ist wichtig. Aber ebenso wichtig ist die Bereitschaft zuzuhören.

Menschen mit Demenz können sehr wohl sagen und zeigen, was ihnen guttut, was sie stört und wo sie dazugehören möchten. Wir müssen Räume schaffen, in denen diese Stimmen gehört werden.

Trotzdem braucht es professionelle Strukturen. Wo liegt die Balance?

Mitbestimmung bedeutet nicht, dass Fachpersonen ihre Verantwortung abgeben. Gerade bei anspruchsvollen Situationen braucht es viel Wissen, Erfahrung und ein Team, das sich austauscht.

Wenn etwas eskaliert, müssen wir hinschauen: Was ist passiert? Was können wir daraus lernen? Was braucht der Mensch? Und was braucht das Team? Ein tragfähiges Netzwerk muss deshalb auch die Fachpersonen stärken.

Welche Rolle spielen Angehörige?

Eine sehr große. Wir haben mosa!k auch deshalb aufgebaut, weil wir in einer Angehörigengruppe gehört haben, wie erschöpft viele Familien waren. Angehörige wissen unglaublich viel über den Alltag. Dieses Wissen gehört ins Netzwerk.

Gleichzeitig dürfen wir nicht nur auf die Angehörigen schauen und über den Menschen mit Demenz sprechen. Beide Perspektiven sind wichtig.

Du sprichst von einem »Haus mit vielen Eingängen«. Was meinst du damit?

Nicht jeder Mensch braucht zur gleichen Zeit das Gleiche. Einer kommt in die Gesprächsgruppe. Eine andere geht wandern. Jemand besucht die Tagesstruktur. Mit einer weiteren Person bleiben wir einfach in Kontakt und fragen Monate später wieder nach.

Für mich ist das ein wichtiger Punkt: Das System sollte nicht sagen, welchen Weg ein Mensch gehen muss. Es sollte verschiedene Zugänge ermöglichen.

Wann ist der richtige Zeitpunkt, um nach einer Diagnose ein solches Netz zu knüpfen?

Möglichst früh. Das heißt aber nicht, dass jemand sofort ein Angebot nutzen muss.

Menschen gehen sehr unterschiedlich mit einer Diagnose um. Manche suchen gleich Kontakt. Andere brauchen Monate oder Jahre. Entscheidend ist, dass sie wissen: Da ist jemand. Ich kann mich melden. Und wenn ich heute noch nicht bereit bin, ist die Tür morgen immer noch offen.

»Die Demenz Meets sind genial! Ich wünsche mir, dass es mehr von ihnen gibt, damit viele Menschen eine bessere Lebensqualität haben. Die Demenz Meets passen wunderbar zu meinem Lebensmotto: lieben, leben, lächeln«.

Lilo Klotz, Beirätin der Deutschen Alzheimer Gesellschaft und von Alzheimer Europe.

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Was verhindert gute Vernetzung?

Wenn jede Organisation nur ihren eigenen Bereich sieht. Oder wenn wir glauben, unsere Aufgabe sei erledigt, sobald wir jemanden weiterverwiesen haben.

Ein Netz lebt von Beziehungen. Dafür braucht es Zeit, Verlässlichkeit und Menschen, die Verantwortung übernehmen. Und manchmal braucht es einen langen Atem.

Was möchtest du den Fachpersonen am St.Galler Demenz-Kongress mitgeben?

Wartet nicht darauf, dass irgendwann die perfekte Struktur entsteht. Fangt an, miteinander zu reden. Fragt die Menschen mit Demenz und ihre Familien, was sie brauchen. Probiert etwas aus. Vernetzt euch mit anderen und schaut, was daraus wächst.

Und vor allem: Redet nicht nur über Menschen mit Demenz. Redet mit ihnen.

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