alzheimer.ch: Pflegekonzerne wie Orpea-Senevita oder Tertianum betreiben immer mehr Heime. Was halten Sie von dieser Entwicklung?
Mathias Binswanger: Diese Entwicklung ist mit Gefahren verbunden. In Wirklichkeit setzt sich damit nicht ein effizienter Markt gegenüber einem ineffizienten Staat durch, sondern es gibt ein paar Grosskonzerne, die nachher Marktmacht besitzen und den Markt dominieren.
Gleichzeitig treffen sie auf eine garantierte Nachfrage, da die Bewohner und Patienten in bestimmten Situationen ein Heim brauchen, und die Bezahlung letztlich durch den Staat garantiert ist. Deshalb muss man genau überlegen, mit welchen Folgen eine solche Entwicklung verbunden ist, und ob diese auch gewünscht ist.

Wer grösser ist, kann Synergien nutzen und Kosten senken – zum Beispiel mit günstigerem Einkauf, zentraler Administration und so weiter. Können Bewohner und ihre Angehörigen davon profitieren?
Ja, teilweise profitieren sie dort, wo der Markt tatsächlich spielt. Aber das Hauptziel der Konzerne besteht darin, möglichst hohe Gewinne zu erzielen, da sie von den Investoren danach bewertet werden.
Einige dieser Pflegekonzerne erzielen grosse Gewinne und Renditen. Wie ist das möglich?
Das hängt einerseits mit der Marktmacht aufgrund der Oligopolstellung dieser Konzerne zusammen und liegt andererseits an der garantierten Nachfrage.
Offenbar erzielen sie auch grosse Gewinne, weil sie Leistungen abbauen – dies hört
man von Mitarbeitenden und Angehörigen. Haben solche Heime langfristig eine Zukunft?
In all diesen Institutionen versucht man Economies of Scale (Anmerkung der Redaktion: Skaleneffekt) auszunutzen und Heime tendenziell wie eine Fabrik zu managen.
Man standardisiert die Pflege und macht sie so leichter organisierbar und planbar.
Darunter leiden aber häufig die Bewohner, für welche das Personal dann keine Zeit mehr hat – weil man zu optimieren versucht, indem man teure und arbeitsintensive Leistungen abbaut.