Es geht viel zu oft um die Angehörigen und viel zu wenig um die Betroffenen – das sagt Eva Helms, Demenz-Expertin aus Dresden nach ihrer langjährigen Erfahrung in der Beratung und Begleitung von Menschen mit Demenz.
Sie wollte das ändern und hat einen Ratgeber geschrieben für Menschen mit Demenz, der ihnen in der Frühphase der Erkrankung helfen soll. Im Interview erklärt sie auch, welche Rolle die Kindheit für diese Menschen spielt – und wie man als Angehöriger schon mit einzelnen Wörtern für Glücksmomente sorgen kann.
Liebe Frau Helms, es gibt ja schon einige Ratgeber über Demenz. Was zeichnet ihr Buch «Es ist nicht alles Demenz» aus?
Eva Helms: In meiner Beratungsstelle empfehle ich gerne Sachbücher, aber die meisten Bücher richten sich an Angehörige. Mein Ratgeber ist ein Buch für die Betroffenen. Es ist ein Mut machender Ratgeber für Menschen am Anfang ihrer Erkrankung.
Was erhoffen Sie sich dadurch?
Mir ist es wichtig, dass die Menschen so lange es geht, selbstbestimmt entscheiden können. Dazu gehört auch, dass sie sich informieren können. Es gibt zwar eine UN-Behindertenrechtskonvention, die besagt, dass kein Mensch benachteiligt werden darf. Menschen mit Demenz sind es aber aufgrund ihrer Einschränkungen doch.
Wir als Gesellschaft haben den Auftrag, Informationen für die Betroffenen besser zugänglich zu machen. Ich möchte mit meinem Buch einen Beitrag leisten.
Wie sind Sie auf das Thema Demenz gestossen?
Eher durch Zufall. Nach meiner Ausbildung zur Krankenschwester habe ich lange in einem anderen Beruf gearbeitet, wollte dann aber in den sozialen Bereich zurück und machte eine Weiterbildung zur Fachberaterin für Geriatrie und Gerontopsychiatrie.
Mein Grossvater hatte Alzheimer, aber das war mir damals noch nicht bewusst. Es wurde nicht als Krankheit behandelt, sondern als Verkalkung und Altersstarrsinn bezeichnet, wie man es in den 70er-Jahren eben nannte. Rückblickend haben wir damals alles falsch gemacht, was man falsch machen konnte.

Wie meinen Sie das?
Ich war bei einem Mann, der stark an vaskulärer Demenz erkrankt war – aber sein Charme war nicht verloren gegangen. Das war eine richtig schöne Erfahrung, die mir gezeigt hat, dass nicht alles schlimm ist mit Demenz.
Jeder Mensch mit Demenz, den ich begleitet habe, war eine Bereicherung für mich. Diese Erfahrungen haben mich geprägt und ich wollte mehr tun.
Speziell für Menschen im Frühstadium einer Demenz?
Ja, denn da gab es zu wenig Angebote. Wir bieten Gesprächskreise an für Menschen mit beginnender Demenz. Denn das ist eine Phase, in der reflektierte Gespräche noch möglich und auch wichtig sind. Ich merke, dass es den Erkrankten gut tut, wenn sie mit anderen sprechen, denen es so geht wie ihnen.
Was ist das besondere an diesen Gruppen?
Die Fassade der Menschen mit beginnender Demenz ist ja noch heil und im Alltag wirken sie kompetent. Mein Anspruch ist es, ihnen Impulse mitzugeben, um diese Alltagskompetenz und das Selbstbewusstsein zu stärken. Ich erlebe, wie behutsam die Menschen in der Gruppe miteinander umgehen und sich gegenseitig stützen.