Fotoblog Konfetti im Kopf: Wie Nähe wieder möglich wurde
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Konfetti im Kopf (9)

Als Nähe wieder möglich wurde

Michael Hagedorn Konfetti im Kopf

Katharina hat viel darüber nachgedacht, wie sie ihrer Mutter das beste Lebensumfeld bieten kann. Foto Michael Hagedorn

Jahrzehntelang waren sich Martha und ihre Tochter Katharina fremd. Mit der Demenz veränderte sich ihre Beziehung: Alte Schutzmauern brachen auf, Berührungen wurden möglich. Fotograf Michael Hagedorn hat Mutter und Tochter sieben Jahre lang begleitet.

Sieben Jahre lang habe ich Katharina Wendorff aus Berlin und ihre Mutter Martha immer wieder mit der Kamera besucht. In dieser Zeit durfte ich eine ganz besondere Liebesgeschichte miterleben, die zwischen den beiden noch einmal ganz neu aufblühte.

Über Jahrzehnte hinweg waren sich Mutter und Tochter relativ fremd geworden. Martha trug einen Schutzpanzer um sich, den sie sich im Leben zugelegt hatte, und selbst eine Umarmung war ihr an emotionaler Nähe schon zu viel.

Dann kam die Demenzdiagnose, und mit ihr ging einher, dass Martha immer weniger in der Lage war, ihr Leben selbstständig zu gestalten. Irgendwann holten Katharina und ihre Familie sie zu sich nach Berlin, weil ein Leben allein für sie nicht mehr möglich war.

Und doch öffnete die Demenz gleichzeitig etwas in Martha, das lange verschlossen gewesen war. Der Panzer, den sie all die Jahre über getragen hatte, bekam Risse und sie wurde zugänglicher für Berührung und Nähe, als es vorher je der Fall gewesen war. Was nur wenige Jahre zuvor undenkbar gewesen wäre, nämlich dass beide Arm in Arm beieinanderliegen, wurde nun immer mehr zur Selbstverständlichkeit und zu einer Quelle der Heilung für die ganze Familie.

Katharina hat viel darüber nachgedacht, wie sie ihrer Mutter das bestmögliche Lebensumfeld bieten und gleichzeitig den Spagat mit der eigenen Familie und einer vollen Berufstätigkeit hinbekommen kann. Zeitweise lebte Martha in einer Berliner Demenz-Wohngemeinschaft. Doch schon bald zeigte sich, dass die Atmosphäre dort, vor allem unter den Pflegenden, ihr nicht guttat. Sie bot nicht den liebevollen, sicheren Raum, den sie sich für ihre Mutter wünschte.

Dieses Foto ist genau in jenem WG-Zimmer entstanden. Während Martha auf dem Sofa sitzt, blickt Katharina nachdenklich aus dem Fenster und überlegt, welche nächsten Schritte für ihre Mutter die richtigen sein könnten.

Wenig später hat sie ihre Mutter wieder zu sich nach Hause geholt. Dort durfte Martha ihre letzten Lebensjahre liebevoll umsorgt von Familie, Freunden und helfenden Händen verbringen. In jener Nähe, die beide sich all die Jahre zuvor nicht hatten zugestehen können und die am Ende zu einem der kostbarsten Geschenke wurde, das Mutter und Tochter einander noch machen konnten.

»Es braucht Orte wie die Demenz Meets, wo man sich austauschen kann. Hier ist man willkommen – man kann Freud und Leid miteinander teilen.«

Lilly Ebneter, Junge Angehörige und Yogalehrerin

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