Schulden wir unseren erkrankten Angehörigen etwas?
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Katrin Seyferts Briefkasten (1)

Schulden wir unseren erkrankten Angehörigen etwas?

Wäsche Chaos Demenz

Kannst du mir die Wäsche machen? Oder das Auto zum TÜV bringen? Laub harken? Schuld zu teilen, ist ein wunderbares Gefühl. Foto Véronique Hoegger

Wem schulden wir etwas – unseren Angehörigen, uns selbst oder auch den Menschen, die uns helfen wollen? Katrin Seyfert schreibt über Schuld, Selbstfürsorge und die Kraft, Verantwortung zu teilen.

Puh. Schuld. Ein schweres Wort. Fast so schwer wie Scham. Psychologen unterscheiden Schuld (Ich habe etwas Falsches gemacht) von Scham (Ich bin falsch). Insofern kann man getrost sagen: Ja, wir schulden unseren erkrankten Angehörigen etwas. Denn sicher, wie könnte es anders sein, machen wir im Laufe unserer gemeinsamen Reise durch das Land der Demenz Fehler. Manche passieren aus Unachtsamkeit, manche aus Überforderung oder Zeitmangel. Und ja, vielleicht entstehen auch manche schlicht und einfach aus Bösartigkeit. Kann sein. Soll nicht sein. Darf nicht sein.

Zu Katrin Seyferts Briefkasten

Was tun, wenn die Pflege zu viel wird? Darf ich genervt sein? Und darf ich auch an mich denken? In diesem Blog beantwortet die Bestsellerautorin Katrin Seyfert Fragen aus der Community – offen, persönlich und ohne vorschnelle Antworten. Vor allem für Menschen, die Angehörige betreuen und pflegen. Hier kannst du Katrins Buch »Lückenleben« bestellen. > Zur Bestellung

Aber Fehler, Unzulänglichkeiten, Malheure, schlimme Dinge, halbschlimme Dinge, Dinge – passieren. Und dann sind wir unseren Kranken schuldig, dass wir uns entschuldigen. Nicht wortreich. Sondern eher mit einer Umarmung, einem Stück Torte, einer schönen Musik – etwas, was erheitert, aber nicht banalisiert. Etwas, was erfreut, aber nicht vertuscht. Etwas, was für den anderen ist und nicht, um meine Schuld kleinzuwaschen. Denn darum geht es nicht.

Und genauso wie wir den Kranken von Zeit zu Zeit etwas schulden, schulden auch wir uns etwas: Geduld. Gnade. Selbstfürsorge. Und Berechnung. Ja! Berechnung. Denn wenn ich 20 Stunden in der Woche einen Kranken emotional, organisatorisch, körperlich oder pragmatisch unterstütze, dann ist das ein Halbtagsjob, der Regeneration braucht. Wer sich die nicht ausrechnet und in seinen Kalender als festen Termin einträgt, kann sich bald an fünf Fingern abzählen, dass er nicht mehr kann. Und wenigstens an einem Tag in der Woche für sich Rechnung zu tragen, ist berechnend klug. Denn sonst werden aus einer Krankheit zwei. Und so geht die Rechnung auf keinen Fall auf.

Die Dritten, denen wir etwas schulden, sind all die Freunde, die hilflos neben uns stehen und vor lauter Ohnmacht nichts anderes wissen, als »Sag Bescheid, wenn du was brauchst« zu wispern. Ja. Mähe mir den Rasen. Entfusele mein Sieb an der Waschmaschine. Bring mein Auto zum TÜV.

Mit jeder dieser Taten hast du mich entlastet – und dir das gute Gefühl gegeben, wenigstens etwas getan zu haben. Wenigstens einmal helfen zu dürfen. Wenigstens irgendwo einmal zugepackt zu haben. Was sind die dööfsten Arbeiten, die wir uns im Alltag vorstellen? Laub harken? Schnee schippen? Müll zum Wertstoffhof bringen?

Ein kleiner Ausgleich des Karmas ist es, jetzt, genau jetzt einen Freund zu bitten: Kannst du mir helfen? Weil man damit auch seinen kleinen, verschissenen Narzissmus klein hält, der einen versucht weiszumachen: Ich schaffe das alles allein. Und wenn nichts mehr geht, dann mache ich weiter, bis ich nicht mehr kann.

Schuld zu teilen, ist sinnvoll. Schuld zu teilen, ist ein wunderbares Gefühl von Verbundenheit. Wenigstens etwas in dieser schweren Zeit.

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»Nach der Diagnose waren wir verzweifelt und fühlten uns allein. Das Demenz Meet war für uns der Türöffner für ein gutes Leben mit Demenz. Heute sagt mein Mann Beni: Es ist egal, wenn vieles nicht mehr geht. Dann mache ich halt die Sachen, die ich kann!«

Rolf Könemann, Angehöriger und Buchautor

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