Puh. Schuld. Ein schweres Wort. Fast so schwer wie Scham. Psychologen unterscheiden Schuld (Ich habe etwas Falsches gemacht) von Scham (Ich bin falsch). Insofern kann man getrost sagen: Ja, wir schulden unseren erkrankten Angehörigen etwas. Denn sicher, wie könnte es anders sein, machen wir im Laufe unserer gemeinsamen Reise durch das Land der Demenz Fehler. Manche passieren aus Unachtsamkeit, manche aus Überforderung oder Zeitmangel. Und ja, vielleicht entstehen auch manche schlicht und einfach aus Bösartigkeit. Kann sein. Soll nicht sein. Darf nicht sein.
Zu Katrin Seyferts Briefkasten
Was tun, wenn die Pflege zu viel wird? Darf ich genervt sein? Und darf ich auch an mich denken? In diesem Blog beantwortet die Bestsellerautorin Katrin Seyfert Fragen aus der Community – offen, persönlich und ohne vorschnelle Antworten. Vor allem für Menschen, die Angehörige betreuen und pflegen. Hier kannst du Katrins Buch »Lückenleben« bestellen. > Zur Bestellung
Aber Fehler, Unzulänglichkeiten, Malheure, schlimme Dinge, halbschlimme Dinge, Dinge – passieren. Und dann sind wir unseren Kranken schuldig, dass wir uns entschuldigen. Nicht wortreich. Sondern eher mit einer Umarmung, einem Stück Torte, einer schönen Musik – etwas, was erheitert, aber nicht banalisiert. Etwas, was erfreut, aber nicht vertuscht. Etwas, was für den anderen ist und nicht, um meine Schuld kleinzuwaschen. Denn darum geht es nicht.
Und genauso wie wir den Kranken von Zeit zu Zeit etwas schulden, schulden auch wir uns etwas: Geduld. Gnade. Selbstfürsorge. Und Berechnung. Ja! Berechnung. Denn wenn ich 20 Stunden in der Woche einen Kranken emotional, organisatorisch, körperlich oder pragmatisch unterstütze, dann ist das ein Halbtagsjob, der Regeneration braucht. Wer sich die nicht ausrechnet und in seinen Kalender als festen Termin einträgt, kann sich bald an fünf Fingern abzählen, dass er nicht mehr kann. Und wenigstens an einem Tag in der Woche für sich Rechnung zu tragen, ist berechnend klug. Denn sonst werden aus einer Krankheit zwei. Und so geht die Rechnung auf keinen Fall auf.