Na ja, es hilft schon, wenn man gnädig zu denen ist, die es nicht besser vermögen. Die, die hadern, motzen, pöbeln, betrügen. Aus Unsicherheit, Schamlosigkeit, Unvermögen. Schlicht: aus Krankheit. Aber anders gefragt: Muss ich verzeihen, nur weil ich Mutter/Vater, Opfer, Katholik bin? Was ist das denn für ein Wort? Müssen? In ihm steckt doch die ganze Tragik von Alzheimer.
Zu Katrin Seyferts Briefkasten
Was tun, wenn die Pflege zu viel wird? Darf ich genervt sein? Und darf ich auch an mich denken? In diesem Blog beantwortet die Bestsellerautorin Katrin Seyfert Fragen aus der Community – offen, persönlich und ohne vorschnelle Antworten. Vor allem für Menschen, die Angehörige betreuen und pflegen. Hier kannst du Katrins Buch »Lückenleben« bestellen. > Zur Bestellung
Ein demenziell Erkrankter muss gar nichts mehr. Er ist des Müssens entledigt und genau das gibt ihm das schluchttiefe Loch, in das er Angst hat zu fallen, eines Tages. Nie mehr müssen müssen. Nur noch können. Und das jeden Tag ein Stück weniger. Der Mensch ohne Pflicht ist kein glücklicher. Auch wenn alle Kinder dieser Erde den Sommerferien entgegenfiebern, täten sie es doch nicht, gäbe es keine Schule.
Also eigentlich sollte (nicht müsste!) die Frage eher heißen: Darf ich es mir erlauben, zu verzeihen, auch wenn ich wütend, überfordert, beelendet bin? Ja. Denn das eine hat mit dem anderen nichts zu tun. Ich darf auf jemanden böse sein (oder auf die Umstände, die er zustande gebracht hat, auch ohne dass er dafür verantwortlich gemacht werden kann) und ich kann ihm verzeihen.