Muss ich verzeihen, nur weil jemand Demenz hat?
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Katrin Seyferts Briefkasten (3)

Muss ich verzeihen, nur weil jemand Demenz hat?

Einsam mit Demenz

Lohnt sich eine Unversöhnlichkeit angesichts der Wortlosigkeit und der existenziellen Einsamkeit, in die die Kranken verschwinden und uns zurücklassen? Foto Mara Truog

Verzeihen und wütend sein – das schließt sich nicht aus. Katrin Seyfert schreibt über widersprüchliche Gefühle, moralische Erwartungen und die Frage, wie viel Gnade wir anderen und uns selbst zugestehen.

Na ja, es hilft schon, wenn man gnädig zu denen ist, die es nicht besser vermögen. Die, die hadern, motzen, pöbeln, betrügen. Aus Unsicherheit, Schamlosigkeit, Unvermögen. Schlicht: aus Krankheit. Aber anders gefragt: Muss ich verzeihen, nur weil ich Mutter/Vater, Opfer, Katholik bin? Was ist das denn für ein Wort? Müssen? In ihm steckt doch die ganze Tragik von Alzheimer.

Zu Katrin Seyferts Briefkasten

Was tun, wenn die Pflege zu viel wird? Darf ich genervt sein? Und darf ich auch an mich denken? In diesem Blog beantwortet die Bestsellerautorin Katrin Seyfert Fragen aus der Community – offen, persönlich und ohne vorschnelle Antworten. Vor allem für Menschen, die Angehörige betreuen und pflegen. Hier kannst du Katrins Buch »Lückenleben« bestellen. > Zur Bestellung

Ein demenziell Erkrankter muss gar nichts mehr. Er ist des Müssens entledigt und genau das gibt ihm das schluchttiefe Loch, in das er Angst hat zu fallen, eines Tages. Nie mehr müssen müssen. Nur noch können. Und das jeden Tag ein Stück weniger. Der Mensch ohne Pflicht ist kein glücklicher. Auch wenn alle Kinder dieser Erde den Sommerferien entgegenfiebern, täten sie es doch nicht, gäbe es keine Schule.

Also eigentlich sollte (nicht müsste!) die Frage eher heißen: Darf ich es mir erlauben, zu verzeihen, auch wenn ich wütend, überfordert, beelendet bin? Ja. Denn das eine hat mit dem anderen nichts zu tun. Ich darf auf jemanden böse sein (oder auf die Umstände, die er zustande gebracht hat, auch ohne dass er dafür verantwortlich gemacht werden kann) und ich kann ihm verzeihen.

Genauso gut darf ich mich um jemanden aufopferungsvoll kümmern und ihm ein Verhalten, das zehn Jahre alt ist, übel nehmen, ja sogar nicht verzeihen. Der Dichter Rainer Maria Rilke hat mal geschrieben: »Das Leben ist immer ein Ja und ein Nein.« Übertragen auf die Vergebungsübekompetenz von pflegenden Angehörigen: Man kann sauer auf ein Verhalten sein, aber den Menschen, der es verursacht hat, liebevoll betrachten. Ich darf mich an dem »Müssen« als Aufforderung einer Moralkultur erfreuen – auch wenn es wie eine unliebsame Pflicht erscheint.

Ich darf Widersprüche nebeneinander in mein Haus bitten, weil sie die treuesten Besucher sind, die mich als pflegende Angehörige in den nächsten Jahren heimsuchen werden. Den Ärzten geht es übrigens nicht anders: Man kann sich um einen Patienten kümmern und sich ohnmächtig und hilflos fühlen. Man kann eine Kur ablehnen und trotzdem ein schlechtes Gewissen haben.

Man kann einen Patienten (oder seine Angehörigen) anlügen und dabei eine heilende Seele sein. Denn sind nicht alle Lazarettärzte hervorragende Lügner gewesen, wenn sie die Soldaten auf dem Schlachtfeld belogen haben: »Komm, ins Lager, das schaffst du noch. Halte durch.« Vielleicht ist das das größte Lebensrätsel, das einem der Alzheimer aufgibt: nicht der Umgang mit dem Vergessen, der Sprache, dem Körper, dem Sein. Sondern die Akzeptanz von Gegensätzlichkeiten, genau in einem Moment.

»demenzworld vermittelt Wissen, pflegt Netzwerke und schafft Raum für Austausch. Menschen mit Demenz und ihre Angehörigen werden sichtbar und sprechen für sich selbst. So können wir Stigmatisierung und Tabuisierung abbauen.«

Raphael Schönborn, Geschäftsführer Promenz Wien

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»Müssen« kann eine Gnade sein, »verzeihen« Selbstfürsorge. Denn ehrlich: Lohnt sich eine Unversöhnlichkeit angesichts der Wortlosigkeit und der existenziellen Einsamkeit, in die die Kranken verschwinden und uns zurücklassen?

Ich habe mich oft gefragt, als mein Mann noch unter uns lebte, ob er mir eigentlich verzieh: dass ich gesund blieb – und er nicht. Dass ich zum Abiturball meiner Kinder konnte und er nicht. Dass ich meinen Gefühlen durch Wörter Ausdruck verleihen durfte und er es von Tag zu Tag weniger vermochte. Wer sagt, dass die wirklich Unversöhnlichen nicht die Kranken sind, die zu allem Überfluss auch noch dankbar und demütig sein müssen, weil man sich um sie kümmert, sie pflegt, versorgt und irgendwann auch beerdigt? Ich weiß nicht, ob ich meinem Mann diese Gnade so schnell verziehen hätte. Wahrscheinlich wäre er der gewesen, der um Verzeihung bitten müsste. Und ich könnte sie ihm nicht mehr gewähren, weil mir die Worte fehlten.

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