Schon als ich die Tür zum Krankenzimmer öffne, spüre ich, dass etwas passiert ist. Meine Mutter, die mich sonst immer mit einem Lächeln begrüsst hat, liegt apathisch im Bett und schaut mich kaum an.
Mein Vater, den so leicht nichts aus der Fassung bringt, steht am Fenster und blickt gestresst auf die Schwester, die gerade die Decke über die Beine meiner Mutter schlägt – und über frische Blutflecken auf dem Laken.
So manches kostet kein Geld
Pflegekräfte verdienen zu wenig, das steht ausser Frage. Dabei sind sie oft im Laufschritt unterwegs, arbeiten am Limit und sind gestresst. Dennoch möchten wir erwarten, dass sich Kliniken auf demenzkranke Menschen einstellen, auch wenn diese Patienten mehr Zeit und Zuwendung benötigen.
Ärzte und das Pflegepersonal müssen wissen, dass es für Demenzkranke der pure Stress ist, im Krankenhaus zu sein. Speziell im Stadium der fortgeschrittenen Demenz darf man sie auf keinen Fall mit einer Schlaftablette allein lassen. Sowie sie aufwachen, sind sie orientierungslos und voller Angst.
Übrigens: So manches kostet kein Geld und kaum Zeit, ob die Patienten nun demenzkrank sind oder nicht: Einen Augenblick die Hand halten, kann Wunder wirken. Ebenso ein Lächeln übers Essenstablett hinweg, beim Waschen, Bettenmachen oder Temperaturmessen. (ue)
«Was ist denn hier los?», will ich wissen.
«Wir mussten einen Katheter legen», sagt die Schwester und geht raus.
«Warum?», rufe ich ihr hinterher, aber sie ist schon weg. Die Mutter ist demenzkrank, aber nicht inkontinent. Mein Vater hebt ratlos die Arme, die Ärztin habe das angeordnet.
Bei meiner Mutter wurde vor acht Jahren Demenz diagnostiziert. Von da an wussten wir, warum ihr oft Wörter fehlten, warum sie unsicher wirkte, wenn wir mit Freunden zusammensassen. Sie blieb lieb in ihrer Demenz, wurde bloss stiller. Schon immer war sie ein grundehrlicher Mensch und nicht in der Lage, Sympathie zu heucheln.
Jetzt wurde sie direkter: Die kann ich nicht leiden, sagte sie über die Bekannte, die so viel redete. Du bist lieb, zum Enkel, der sich auf ihren Schoss setzte. Das schmeckt gut oder das mag ich nicht, beim Essen. Und in der Badewanne konnte sie sich freuen wie ein Kind: Schön warm!
Was Mutter Elke nicht mehr drauf hatte, übernahm Vater Erich, immerhin schon achtzig Jahre alt. Wäsche waschen, Betten beziehen, einkaufen, kochen. Bei allem, was er tat, stand sie neben ihm. Zog er seine Schuhe an, tat sie es auch. Setzte er sich vor den Fernseher, setzte sie sich neben ihn.
Sie waren 55 Jahre verheiratet und unzertrennlicher denn je. Hand in Hand gingen sie zum Bäcker, zum Arzt, in die Apotheke. Jeden Nachmittag spazierten sie durch Weinberge und Streuobstwiesen. Zusammen hatten sie ein Geschäft aufgebaut und erfolgreich geführt. Ein Dreamteam. Vier Kinder, acht Enkel.
Weihnachten 2016 war ihr letztes und eines der schönsten Feste, weil so viel gesungen wurde und zwei Enkel mit Gitarre und Klavier die Lieder begleiteten. Stundenlang, weil dann die Oma lächelte und so glücklich aussah.
Bis in den März hinein sangen wir Weihnachtslieder, sie sass gelöst auf dem Sofa und sang mit.
Doch der Samstag Ende Mai beginnt mit einem Misston. Wie an jedem Wochenende helfe ich meiner Mutter in die Badewanne. Es ist ein Ritual. Nachdem sie sich ausgezogen und die Kleider ordentlich gefaltet in den Wäschekorb gelegt hat, steigt sie in die Wanne und lehnt sich zurück – schön warm!
Ich wasche ihr die Haare und warte, bis sie wieder aus der Wanne will. Abtrocknen, eincremen, Fuss- und Fingernägel schneiden, du bist lieb. Wir benutzen Deo und einen Hauch Parfüm. «Damit du duftest für Papa», sage ich und sie lächelt. Im Wohnzimmer sagt er: «Du bist schön.»

Alles wie immer. Ausser diesem tiefen und hartnäckigen Husten! Am Sonntagabend hat er sich so verschlimmert, dass mein Bruder Bernd unsere Mutter in die Notaufnahme einer Klinik bringt. Es ist nicht viel los, sie sind bald dran: Blutabnahme, EKG und Röntgen.
Zwei Stunden später schickt er eine SMS: «Mama muss über Nacht hierbleiben. Sie hat Wasser in der Lunge und wird punktiert. Danach Ultraschall. Sie geben ihr ein Schlafmittel und meinen, das sei kein Problem.» Kein Problem? Mein Vater setzt sich sofort ins Auto und fährt in die Klinik.
Ich simse zurück: «Die kennen sich nicht aus mit Demenz. Wenn sie aufwacht, kriegt sie Angst. Ich bleibe bei ihr.» Mein Bruder: «Sie haben mich aus dem Zimmer gescheucht, bin auf dem Rückweg. Papa ist bei ihr, bis sie eingeschlafen ist.»
Als ich kurz vor 22 Uhr ins Zimmer komme, hat sich ein Drama abgespielt. Mein Vater berichtet, dass sie eine Infusion bekommen hat, die den Körper entwässern soll. Folge ist, dass sie ständig aufs Klo muss. Einmal kommt die Schwester und hilft wegen der Infusion.
Eine Viertelstunde später muss sie wieder – Schwester und Ärztin beschliessen daraufhin, einen Blasenkatheter zu legen.
Die Schwester schiebt die Beine meiner Mutter auseinander, die von nackter Panik ergriffen wird, weil sie keine Ahnung hat, was mit ihr geschieht.
«Sie hat mich so verzweifelt angesehen», sagt mein Vater. «Ich habe nichts gemacht, ich dachte, das muss jetzt sein.»